Gastspiel / Schauspiel

Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu

von Sivan Ben Yishai
Kooperation von backsteinhaus produktion, Theater Lübeck und Theater Rampe
Gastspiel

03. November 2019

Schauspielhaus

Inhalt

„Nosferatu – tönt dies Wort nicht wie der
mitternächtige Ruf eines Todesvogels.
Hüte Dich es zu sagen, sonst verblassen
die Bilder des Lebens zu Schatten.“

Sivan Ben Yishai schickt in DIE TONIGHT, LIVE FOREVER oder DAS PRINZIP NOSFERATU Menschen auf einen atemlosen Trip, bei dem das vampiristische Selbst die Regie übernimmt.
Eine junge Frau verlässt ihre Therapiesitzung und gerät in den heillosen stream-of-consciousness ihrer Selbstüberforderung. Bis sie einen Tumor in sich als Ansprechpartner findet – alles, wonach sie sich sehnt.
Ein schwuler Makler sitzt in der heteronormativen, properen Provinz fest, soll teure Häuser an reiche Leute verkaufen. Schlaflos im Hotelzimmer findet er online seine Pforte der Wahrnehmung, Sex und Drogen und eine rasende Fahrt in die Katakomben von Paris, in die Stadt der Toten.
Eine Andere, unendlich müde, erschöpft von der Arbeit, wird von zwei gesichtslosen Motorradfahrern mitgenommen. Unter ihrem glänzenden Helm findet sie sich wieder im Spiegelkorridor ihrer eigenen Albträume und Ängste.

Inspiriert von dem Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau erzählt DIE TONIGHT, LIVE FOREVER von den zeitgenössischen Wiedergänger*innen. Diese „children of late capitalism“ haben das Prinzip Nosferatu längst in sich selbst implantiert und geben sich süchtig ihrer Selbstausweidung hin.

Ein Ensemble aus Tänzer*innen und Schauspieler*innen ermächtigen sich des Nosferatu-Stoffes mit aller Sprach-, Körper- und Bildgewalt.

Die Koproduktion von backsteinhaus produktion, Theater Lübeck und Theater Rampe ist gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes.

Pressestimmen

nachtkritik.de / Katrin Ullmann

Marie Bues findet starke, wilde Bilder für einen dichten Text, der recht untheatralisch daherkommt, der monologisch mäandert und nur sehr, sehr lose Fäden zwischen den einzelnen Figuren spinnt. Geschickt führt Bues einige der Geschichten zusammen, setzt spielerisch ein paar wenige, aber wichtige dramaturgische Anker, gibt Einblicke in Tragisches und allzu Menschliches: Da wird Niko Eleftheraiadis als homosexueller Makler in einen mausgrauen Anzug und in die Einsamkeit der Provinz verdammt, da hysterisiert sich Rachel Behringer als junge orientierungslose Frau im schweinchenrosa Miss-Wahlen-Kleid in eine abgründige Partywelt, da gurrt und buhlt Astrid Färber im mütterlichen Kümmerton um die Aufmerksamkeit ebenjener jungen Frau, ihrer Tochter, da gerät Sophie Pfennigstorf im golden schimmernden Motorrad-Outfit als Organspenderin in den eigenen, entgrenzten Ausverkauf. Nur ab und zu, schlaglichtartig, blitzen diese Schicksale auf, bewortet durch meist hektisch gesprochene, überdrehte Monologe aus dem Stand. Diese Inszenierung ist laut, wild und schnell, ist bilder- und temporeich. Bues und Liszta schaffen Irritationen und Assoziationen, lassen Schauspieler und Tänzer zu Höchstform auflaufen und gleich darauf in gespielter Erschöpfung zusammenbrechen. Meist rauscht der Abend über die Bühne wie ein Film im Fast-Forward-Modus. Allein der Text bremst diese Inszenierung manchmal aus, mit seinen zu vielen Themen, seinen bösen Bezügen in die Gegenwart – einer Welt voller Blutsauger – seiner zu viel wollenden Bedeutungsschwere. Gerade so als hätte er selbst Särge voller Erde mit.