Romeo und Julia

nach William Shakespeare
in der Übersetzung von Thomas Brasch
mit einem Prolog von Hendrik Bolz

Dauer: 2 Stunden und 50 Minuten, mit Pause

Premiere: 11.9.2026 im Schauspielhaus

Julia: Frida Lang
Romeo: Jonathan Stolze
Lady Capulet: Johanna Bantzer
Sir Montague: Jirka Zett
Lorenzo: Ann Ayano
Mercutio: William Cooper
Benvolio: Jonathan Eduardo Brito
Amme: Anne Kulbatzki
Paris: Meryem Öz
Tybalt: Mohamed Achour
Prolog: Ada Casabianchi, Luisa Oepen

Inszenierung: Lena Brasch
Bühne: studio dietrich&winter
Kostüm: Maja Lipinski
Musik: Paul Eisenach, Wenzel Krah
Video: Elias Asisi
Choreografie: Zarina Stahnke
Licht: Oliver Hisecke, Maren Zeiss
Dramaturgie: Mira Gebhardt, Valerie Göhring

Chorarrangement und Gesang: Fee Aviv Dubois
Choraufnahmen: Kinderchor der Staatsoper Hannover

Regieassistenz: Marit Pesch
Bühnenassistenz: Roel Leenders
Kostümassistenz: Hermine Warnatz
Inspizienz: Silke Janssen
Soufflage: Heinrich Maas
Bühnenhospitanz: Ruben Krauß
Kinderbetreuung: Ursula Tadken-Horstmann

Für die Aufführung verantwortlich

Bühnenmeister: Sebastian Lohrisch
Konstruktion: Lars-Gerit Hansen, Ruben Kyrill Thorns
Beleuchtung: Oliver Hisecke, Kirsten Piepenschneider, Maren Zeiss
Ton: Markus Folberth, Felix Klatte
Video: Tobias Naumann, Konrad Weiß
Requisite: Thomas Heinevetter, Gabriele Rosenbrock, Susanne Schmetz
Maske: Anorte Brillowski, Judith Nowowiejski, Elisa Wimmer
Ankleidedienst: Sven Edelmann, Lucina Sanlier, Sarah Weiskittel, Miriam Zabek

Leitung der Abteilungen

Technische Direktion: Ilka Licht
Technische Leitung Schauspielhaus: Oliver Jentzen
Werkstätten: Nils Hojer
Beleuchtung: Oliver Hisecke
Ton und Video: Lutz Findeisen
Requisite: Ute Stegen
Kostümdirektion: Eleni Chava
Maske: Guido Burghardt
Malsaal: Thomas Möllmann
Tapezierwerkstatt: Fabian Doant
Schlosserei: Bernd Auras
Tischlerei: Michael Mäker
Maschinentechnik: Dirk Scheibe

Wer ist tot am Ende des berühmtesten Theaterstücks aller Zeiten? Nicht die Alten – die Jungen. Romeo und Julia. Zwei sehr junge Menschen, die sich unsterblich verlieben und am Ende, ausgelöst durch eines der folgenschwersten Missverständnisse der Theatergeschichte, doch sterben. Eine weltberühmte tragische Lovestory. Doch gerät Entscheidendes leicht aus dem Blick: Julia ist dreizehn Jahre alt. Dreizehn, als sie verheiratet werden soll, dreizehn, als sie sich gegen den Willen ihrer Eltern stellt, dreizehn, als sie sich für Romeo entscheidet. Auch Romeo ist nur wenig älter. Wo sind ihre Eltern? Sie sind beschäftigt. Gefangen in ihren Konflikten, Regeln, Erwartungen und einer alten Feindschaft, deren Ursprung kaum noch jemand benennen kann.

„Werde doch mal erwachsen“, könnte die Aufforderung von Lady Capulet an ihre Tochter Julia lauten, als sie sich gegen die Heirat mit dem Grafen Paris ausspricht. Doch ist „erwachsen“ werden tatsächlich etwas Gutes? Schaut man auf die Taten der Erwachsenengeneration, scheint das Adjektiv seine positive Konnotation nicht unbedingt verdient zu haben: Statt verantwortungsbewusst, besonnen oder ernst könnte man „erwachsen“ in Shakespeares Verona auch mit brutal, ignorant und resigniert übersetzen. Die Erwachsenen haben sich verschanzt hinter ihren Fronten. Sie verteidigen Besitzstände, Regeln und alte Verletzungen, während die Jungen die Konsequenzen tragen.

Genau hier setzt Lena Braschs Inszenierung an. Sie verschiebt den Blick von der romantischen Liebestragödie auf das System, das diese Liebe von Anfang an unter Druck setzt. Romeo und Julia werden nicht nur Opfer eines tragischen Zufalls, sondern einer Welt, die ihnen keinen Raum lässt. Ihre Liebe wird zum Störfaktor in einem System, das längst vergessen hat, wofür es eigentlich kämpft.

Wie kaputt ist eine Welt, in der Erwachsene den Tod ihrer Kinder indirekt herbeiführen, weil sie nicht wahrnehmen, was ihre Kämpfe, Erwartungen und Herrschaftsansprüche anrichten? Und was bedeutet es für eine junge Generation, wenn die Welt, die ihr übergeben wird, bereits von den Konflikten der vorherigen Generationen gezeichnet ist? Der Generationenkonflikt in „Romeo und Julia“ ist deshalb mehr als der klassische Streit zwischen Eltern und Kindern. Es geht um die Frage, wer über die Zukunft bestimmen darf – und wer am Ende den Preis dafür bezahlt.

Bei Shakespeare führt der Tod der Kinder schließlich zur Versöhnung der Familien. Die Eltern erkennen in der Katastrophe ihre gemeinsame Verantwortung und schließen Frieden. Lena Brasch verweigert den Eltern diesen letzten Moment der Erlösung. Der Tod der Kinder führt in ihrer Lesart nicht automatisch zum Frieden. Warum sollte eine Generation erst sterben müssen, damit die vorherige endlich zuhört?

Folgerichtig beginnt die Inszenierung mit einer Erwachsenenbeschimpfung von Hendrik Bolz, die anklagt, abrechnet und die scheinbar so eindeutige Ordnung der Welt auf den Kopf stellt: Wer sind hier eigentlich die Guten? Wer trägt Verantwortung? Und wer entscheidet darüber, was richtig und was falsch ist?

Denn Romeo und Julia rebellieren nicht nur gegen ihre Eltern. Sie rebellieren gegen eine Welt, in der für ihre Gefühle, ihre Wunsche und ihre Zukunft kein Platz vorgesehen ist. Ihre Liebe ist deshalb auch eine Form des Aufbegehrens. Sie ist der Versuch zweier junger Menschen, sich eine eigene Wirklichkeit zu schaffen – gegen die Wirklichkeit, die ihnen von den Erwachsenen vorgegeben wird.

Was kann Liebe in einer Zeit der Krise? Vielleicht genau das: Sie weigert sich, die Verhältnisse einfach hinzunehmen. Sie behauptet, dass ein anderes Leben möglich ist. Dass Nähe möglich ist, wo Feindschaft herrscht. Dass Vertrauen möglich ist, wo alle nur noch ihre eigenen Interessen verteidigen. Romeo und Julia lieben sich nicht, weil die Welt, um sie herum heil wäre. Sie lieben sich, gerade weil sie es nicht ist. Ihre Liebe wird damit zum utopischen Moment – und zugleich zu einer gefährlichen Provokation.

Für die Verlautbarung der Gefühle junger Menschen gibt Lena Brasch neben der Verwendung der Übersetzung ihres Onkels Thomas Brasch den Figuren noch eine weitere eigene Sprache an die Hand: die Musik. Von Prokofjew über die Beatles bis hin zu RAPK entsteht der Soundtrack einer Jugend, die zwischen rivalisierenden Fronten, familiären Erwartungen und dem Gefühl des Verlorenseins nach einem Ausweg sucht.

Musik wird dabei zum Gegenraum der Sprache der Erwachsenen. Wo die Erwachsenen erklären, ordnen und bestimmen, können die Jungen schreien, tanzen, lieben, widersprechen. Musik wird zum Ausdruck dessen, was sich nicht ohne Weiteres sagen lasst – und zugleich zum Mittel des Aufbegehrens.

Vielleicht liegt genau darin die Aktualität von „Romeo und Julia“: in der Wut einer jungen Generation, die nicht länger bereit ist, die alten Konflikte einfach zu übernehmen. In der Sehnsucht nach einer anderen Welt. In der Kraft, sich zu verlieben, obwohl alles dagegenspricht. Und in der Frage, ob Rebellion zwangsläufig scheitern muss, wenn die Welt, gegen die sie sich richtet, nicht bereit ist, sich zu verändern.

Romeo und Julia sind bei Lena Brasch zwei junge Menschen, die sagen: Wir machen es anders. Wir lieben anders. Wir leben anders. Und vielleicht ist genau das die größte Bedrohung für jede Welt, die sich selbst für unveränderbar halt.

Ist der Traum nun wirklich aus?

„Ich nehme an, ein Grund, warum Menschen so starrsinnig an ihrem Hass festhalten, ist, dass sie spüren: Wenn der Hass weg ist, müssen sie sich ihrem Schmerz stellen.“

Regisseurin Lena Brasch im Gespräch mit den Musikern Paul Eisenach und Wenzel Krah sowie der Dramaturgin Mira Gebhardt

„Romeo und Julia“ zählt zu den bekanntesten Liebesgeschichten überhaupt. Was hat euch daran gereizt, den Stoff heute neu zu erzählen?

Lena Brasch: Eigentlich wollte ich nie „Romeo und Julia“ inszenieren. „Was interessieren mich zwei Teenager, die sich unsterblich ineinander verlieben?“, habe ich gedacht. Dann habe ich mir die jungen Menschen in diesem Stuck genauer angeschaut und feststellen müssen: Die sind wirklich verdammt jung. Julia ist gerade einmal 13 Jahre alt, Romeo nur wenig älter. Beide sind in eine Gesellschaft hineingeboren, die von Hass durchzogen ist – ein Hass, der ihre Liebe nicht nur verunmöglicht, sondern am Ende dazu führt, dass sie sterben. Wenn wir auf unsere Gegenwart schauen, sind es die Älteren, die über die Zukunft der Jüngeren bestimmen. Und man muss nicht einmal die „Tagesschau“ zu Ende schauen, um zu begreifen: Sie machen das verdammt schlecht! Kriege und multiple Krisen greifen schon jetzt in die Leben junger Menschen ein. Sie wachsen in einer Welt auf, die von Konflikten geprägt ist, die sie nicht verursacht haben. Gleichzeitig werden sie schon heute mit der Verantwortung für deren Losungen beladen.

Paul Eisenach: „Das ist ja immer noch wahnsinnig aktuell.“ Ich finde diesen Satz, mit dem kanonische Stoffe oft kommentiert werden, ehrlich gesagt ziemlich doof. Wenn wir gegenwärtige Probleme in „Romeo und Julia“ wiedererkennen, liegt das nicht daran, dass Shakespeare die Zukunft vorhergesehen hat, sondern daran, dass sich manche gesellschaftlichen Muster erstaunlich wenig verändert haben. Vielleicht liegt die eigentliche Tragödie nicht nur in der Geschichte von Romeo und Julia, sondern auch in der Erkenntnis, wie langsam sich die Menschheit ins Positive verändert. Trotzdem steckt darin für mich kein Zynismus, sondern die Frage, wie man trotz dieser Erkenntnis weitermacht und weiter versucht, etwas besser zu machen.

Warum braucht eure Inszenierung von „Romeo und Julia“ überhaupt Musik?

PE: Wenn man „Romeo und Julia“ als Liebesgeschichte betrachtet – auch wenn der Stoff für mich weit über die Paarbeziehung hinausgeht –, ist Musik ein spannender emotionaler Zugang. Über Liebe wurden unzählige Songs geschrieben. Anstatt neue Lieder zu erfinden, haben wir uns gefragt: Was wurde über Liebe bereits gesagt, gesungen oder musikalisch verarbeitet? So entsteht über die Musik eine zusätzliche Perspektive auf den Stoff und zugleich eine Reise durch unterschiedliche Generationen und ihre Vorstellungen von Liebe.

Was hören wir also den Abend über?

Wenzel Krah: Die musikalische Reise führt von der Renaissance über Brahms und die Beatles bis hin zu aktuellem Deutsch- Pop. So unterschiedlich die Musik auch ist, der rote Faden ist die menschliche Stimme. Sie steht im Zentrum des musikalischen Konzepts und begleitet uns durch die verschiedenen Epochen und Klangwelten. Die Stimme ist die ursprünglichste Form der Musik, unmittelbar, körperlich und zutiefst menschlich. Vielleicht ist sie sogar so alt wie die Liebe selbst?

Wie findet man die richtige Balance zwischen Shakespeare und Popkultur?

PE: Shakespeare war der Pop seiner Zeit! Das Theater war damals ein Ort für die breite Öffentlichkeit. Es ging darum, möglichst viele Menschen zu erreichen und ihnen Geschichten zu erzählen, mit denen sie sich identifizieren konnten. Für mich bedeutet Popkultur vor allem Inklusivitat. Sie errichtet keine künstlichen oder pseudointellektuellen Barrieren. Deshalb empfinde ich die Verbindung von Shakespeare und Popkultur nicht als Gegensatz, sondern als Fortsetzung desselben Gedankens, Theater so zu machen, dass möglichst viele Menschen darin etwas für sich entdecken, mitfühlen, mitdenken, mitlachen oder auch mitweinen können.

Ihr habt mit dem Kinderchor der Oper u.a. „Der Traum ist aus“ von Rio Reiser aufgenommen. Welche Bedeutung haben die jungen Stimmen und der Kinderchor für die Inszenierung?

WK: Es wird oft gesagt, man müsse jungen Menschen eine Stimme geben. Hier geben sie sich ihre Stimme selbst. Eine Generation spricht und singt für sich. Aus ihrer Perspektive entsteht eine eigene Wahrheit, wenn sie von ihren geplatzten Träumen singen. Ich glaube, sie wissen manchmal mehr als die Generationen vor ihnen, vielleicht nicht im politischen oder historischen Sinne, aber durch einen unmittelbaren und instinktiven Zugang zur Welt.

Ein Satz über die Liebe?

PE: Ich glaube, solange Menschen immer wieder versuchen, über Liebe aufeinander zuzugehen, besteht die Möglichkeit von Veränderung.

Gibt es schon einen musikalischen Moment im Verlauf des Abends, auf den ihr euch besonders freut?

LB: „Das Ende“. (lacht)

… ist ein Lied von Ton Steine Scherben aus dem Jahr 1972. Darin besingt Rio Reiser den Verlust einer Utopie, in der sich Menschen nicht mehr bekriegen, Menschen und Tiere friedlich koexistieren, alle in Freiheit leben können und in der es keine Angst mehr gibt. Die konkrete Utopie bei „Romeo und Julia“ wäre sicherlich eine Sommerhochzeit in Italien. Bei 36 Grad, Sonnenschein und als Liebesbriefe gefalteten Tortellini feiern alle gemeinsam die Verbindung des jungen Paars. Auf den ersten Blick sähe das weitaus weniger nach Weltveränderung aus. Schaut man jedoch genauer hin, ist „Romeo und Julia“ eine Geschichte zweier sehr junger Menschen, die sich gegen die Feindschaft der Eltern, der Montagues und Capulets, aufgelehnt haben. Romeo und Julia träumten und wollten diesen Traum Wirklichkeit werden lassen. Sie bahnten sich ihren eigenen Weg aus der scheinbar ausweglosen Fehde der Rivalität bis zum bitteren Ende. Ja, der Traum bei Shakespeare für Romeo und Julia ist aus. Aus „Hochzeitsspaß wurde Trauerfest“. Eine italienische Sommerhochzeit wäre ohnehin von Hitzewellen und Großbränden in Südeuropa überschattet gewesen.

Aber was ist das für eine Feindschaft, an deren Ursprung sich keiner mehr erinnern kann oder will? Man fragt sich ja schon, warum es erst zur Katastrophe kommen muss, ehe die Erwachsenen Frieden schließen können. Einen „faulen“ Frieden, wie es der Prinz im Stück beschreibt – reichen sie sich doch erst über die toten Körper ihrer Kinder hinweg die Hände. Leo Meier, Theaterautor und Schauspieler, hat in einem Gespräch mit Lena Brasch völlig zu Recht gefragt: Warum muss es immer mit toten Kindern enden? Aber endet es wirklich mit ihnen? Luigi da Porto: um 1530 herum, davor Masuccio Salernitano (ca. 1476), (Shakespeare hat seine Ideen auch nur geklaut), sterben die Kinder immer wieder auf der Bühne, in der Gegenwart lassen sich zu viele kriegerische Auseinandersetzungen finden, die über tote Kinderkörper hinweg weitergehen. Ist Krieg vielleicht schon längst in die menschliche DNA übergegangen und Gewalt wirklich die einzige Universalsprache? Was hinterlässt die gegenwärtige Erwachsenengeneration der nächsten außer Zwietracht, Gewalt, Ängsten und Klimaschäden?

Gab es ihn überhaupt einmal, diesen besagten Traum? Gab es mal eine Zeit, in der eine Atmosphäre des Aufschwungs Konjunktur hatte? Der Historiker Anton Jäger spricht in seinem Buch „Hyperpolitik“ über die gegenwärtige Politisierung und Aktivismus, aber auch über eine Zeit der Postpolitik am Ende des 20. Jahrhunderts, in der politisches Engagement nicht mehr nötig schien, in der die Mehrheitsgesellschaft sich in einer Stimmung befand, die vom Aufweichen der ideologischen Gerüste und der Euphorie des Mauerfalls bestimmt war. Der Fotograf Wolfgang Tillmans erinnerte sich: „So konnte das Zusammenleben aussehen: Man verbrachte friedlich Zeit miteinander und genoss die Sinne. Mir schien das eine sehr greifbare und inhärent politische Angelegenheit. Plötzlich hatten alle das Gefühl, es gäbe da diese sehr reale Utopie und als könnte man diesen utopischen Traum leben.“

„Das Aus ist der Traum“ steht heute über einer Filiale eines „Flink“-Unternehmens auf dem Kottbusser Damm in Berlin, welches mit der Lieferung von Essen wirbt und mit der Ausbeutung von ihren Fahrrad fahrenden Lieferant*innen Profit maximiert. Das „Aus“ dieses Unternehmens würde die Erlösung der Arbeiter*innen bedeuten. Der Spruch könnte jedoch paradigmatisch für vieles stehen. Das Aus von Patriarchat, das Aus der AfD, das Aus von Kapitalismus, das Aus von Faschismus.

Aber warum lässt sich der Traum so viel einfacher über das Ende definieren? Warum fällt es so viel leichter, über das Aus von etwas nachzudenken als über Lösungen, Ideen und Visionen für etwas? Wie können wir uns aus der Resignation und Lethargie befreien, die einen zuweilen befällt, wenn man sich all diese Krisen der Gegenwart vor Augen führt? Der Song von Rio Reiser versiegt jedenfalls nicht im Verlust, sondern setzt dem Aus etwas entgegen: „Aber ich werde alles geben, damit er Wirklichkeit wird.“

Die Autorin Rebecca Solnit behauptet in ihrem Buch „Hope in the Dark“, dass Hoffnung nicht bedeutet, die Realität zu verleugnen. Sondern: „Hoffnung bedeutet, sich der Realität zu stellen und sie anzugehen, indem man sich daran erinnert, was das 21. Jahrhundert sonst noch gebracht hat – einschließlich der Bewegungen, Held*innen und Bewusstseinsveränderungen, die sich heute mit diesen Themen auseinandersetzen.“ Nicht nur für ihre positiven, aktivistischen und beharrlichen Ideen lohnt es sich also, den 12- bis 17-Jährigen der Gegenwart zuzuhören …

Antworten einiger Romeos und Julias unserer Zeit, die sich gegen die Erwachsenenwelt behaupten

Wann war das letzte Mal, dass Sie „kindisch“ genannt wurden? Für Kinder wie mich ist es eine häufig wiederkehrende Erfahrung, kindisch genannt zu werden. Jedes Mal, wenn wir irrationale Ansprüche stellen, unverantwortliches Verhalten an den Tag legen oder andere Anzeichen machen, dass wir normale Bürger*innen sind, werden wir kindisch genannt – etwas, das mich wirklich stört. Schauen Sie nur einmal auf folgende Vorkommnisse: Imperialismus und Kolonialismus, Weltkriege, George W. Bush. Fragen Sie sich selbst: Wer ist verantwortlich? Erwachsene. Und was haben Kinder gemacht? Nun ja, Anne Frank hat Millionen mit ihrer kraftvollen Darstellung des Holocausts berührt, Ruby Bridges hat mit dazu beigetragen die rassistische Segregation in den USA zu beenden, und erst kürzlich hat Charlie Simpson geholfen, 120.000 Pfund für Haiti auf seinem kleinen Fahrrad zu sammeln. Die Charakteristiken, die das Wort kindisch anspricht, sind so oft in Erwachsenen zu sehen, dass wir dieses das Alter diskriminierende Wort abschaffen sollten, wenn es dazu kommt, Verhalten zu kritisieren, das mit Verantwortungslosigkeit und irrationalem Denken assoziiert wird. Andererseits, wer sagt, dass gewisse Arten von irrationalem Denken nicht genau das ist, was die Welt jetzt braucht? Wir Kinder lassen uns nicht so sehr behindern von Gedanken, warum wir Dinge nicht tun sollten. Kinder können voller inspirierender Sehnsüchte und hoffnungsvollen Denkens sein, wie mein Wunsch, dass niemand hungern soll oder dass alles kostenlos wäre, eine Art Utopie.
Adora Svitak, 12 Jahre

Habt den Mut, bei Diskriminierung nicht wegzuhören, sondern einzugreifen und eure Stimme zu erheben! Erhebt eure Stimme genauso, wie es Hans und Hilde Coppi damals taten. Es bedeutet, wachsam zu bleiben, für unsere Werte einzutreten. Es bedeutet, für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität zu kämpfen. Es bedeutet auch, uns für eine Welt ohne Unterdrückung, Intoleranz und Hass zu engagieren. Also hört nie auf mutig zu sein und euch für das Gute und Gerechte einzusetzen, ganz gleich, wie schwierig der Weg auch sein mag!
Frieda und Clara, 11. Klassenstufe

Ich möchte euch heute Mut machen, auch wenn ich ehrlich sage, mir selbst geht dieser Mut manchmal verloren. Als in der vergangenen Woche nachts Menschen bei mir klingelten und offenbar direkt vor meiner Haustür standen, hat das was mit mir gemacht. Natürlich habe ich Angst. Ich bin kein Held aus Stein. Ich bin 17 Jahre alt. Aber Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, der Angst nicht das letzte Wort zu überlassen. Denn das will die extreme Rechte. Sie will, dass Journalist*innen aufhören zu schreiben. Sie will, dass Politiker*innen nicht mehr kandidieren. Sie will, dass Jugendliche den Mund halten, dass queere Menschen ihre Flaggen einpacken, dass Menschen mit Migrationsgeschichte unsichtbar gemacht werden. Diesen Gefallen tun wir ihnen nicht.
Max, 17 Jahre

Ich bin 15 Jahre alt und der Jugendleiter einer Organisation namens Earth Guardians. Ich stehe heute vor Ihnen und vertrete meine gesamte Generation sowie die Generationen, die noch geboren werden. Was viele Menschen nicht erkennen oder einfach ignorieren, ist, dass der Klimawandel kein Problem ist, das weit in der Zukunft liegt. Er betrifft uns hier und jetzt – und es wird nur noch schlimmer werden. Wir brauchen Sie an unserer Seite. Jetzt ist die Zeit gekommen, alles beiseitezulegen, was uns trennt. Wer wird jetzt mit mir aufstehen?
Xiuhtezcatl, 15 Jahre

Früher haben sie mal progressive Parteien gewählt, heute wählen sie Brexit, Trump und die AfD. Das Fundament unserer Demokratie wird gerade gefährdet, da dürfen wir nicht mit Technokratie regieren. Nein, wir müssen mit Visionen reagieren, denn der Wandel in unserer Gesellschaft – der hört nicht auf. Zum Beispiel eine größere Vision eines bedingungslosen Grundeinkommens, damit jede*r sicher ein würdevolles Leben führen kann, egal ob es für ihn oder sie einen Job gibt, damit jeder die Freiheit hat, sein oder ihr Leben so zu gestalten, wie er oder sie will, ob im Job, in Elternzeit oder im Jobtraining für die Arbeit der Zukunft, damit wir den Traum einer modernen Gesellschaft endlich führen können. Deswegen stehe ich heute hier, nicht als Vertreter der Grünen Jugend oder meines lieben Kreisverbandes Steglitz-Zehlendorf. Nein, ich stehe hier als junger Mensch voller Hoffnung auf unsere Gesellschaft und fordere euch auf, größer zu denken. Think Big!
Leopold, 14 Jahre

Texte

Aschenbrenner, Leopold (2016): Redebeitrag auf der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90 / Die Grünen, Münster, 2016.
Svitak, Adora (2010): „What adults can learn from kids“. TED Talk, 2010.
„Max“ (17): Redebeitrag bei einer Demonstration in Sachsen-Anhalt, 2026, Quelle: Instagram- Video „Maximaldemokratisch“.
Xiuhtezcatl Roske-Martinez, Rede bei den Vereinten Nationen, New York, 2015

Der Traum ist aus – Ton Steine Scherben

Toxic – BoyWithUke

Molotow Cocktail Party – Dietmar Schonherr und Vivi Bach

Zur Hilfe – Fuffifufzich

Mum does the Washing – Joshua Idehen

The Long and Winding Road – The Beatles

Scherbenland – RAPK

Teardrop – Massive Attack

Limit to your Love – James Blake

Ihr habt nur Traurigkeit – Johannes Brahms

Durch die Wüste – Ton Steine Scherben

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