Patricia Torres
© Bettina Stöß Patricia Torres erhielt ihre Ausbildung an der Vocational Art School Cuba – Canada sowie der Fernando Alonso National School of Ballet in Havanna. 2018/19 war sie Mitglied des Kubanischen Nationalballetts. Von 2019 bis 2025 tanzte sie als Solistin in Carlos Acostas Ensemble Acosta Danza Choreografien von Carlos Acosta, Rafael Bonachela, Christopher Bruce, Jorge Crecis, Javier de Frutos, Sidi Larbi Cherkaoui, Pontus Lidberg, Goyo Montero, Juliano Nunes und Michaela Taylor. Darüber hinaus zählen zu ihrem Repertoire Rollen in Giselle, Schwanensee und Dornröschen in der Fassung von Alicia Alonso sowie in Próspera von Cathy Marston. Patricia Torres besuchte Master Classes und Workshops bei Misty Copeland, Aurora Bosch und Loipa Araújo sowie bei Andonis Foniadakis, Hofesh Shechter und Russel Maliphant. Internationale Auftritte führten sie unter anderem nach Singapur, Peking, Venedig, London, Paris, Rotterdam, Budapest und Bergen.
Seit der Spielzeit 2026/27 ist Patricia Torres Mitglied des Staatsballetts Hannover.
Welche künstlerische Zusammenarbeit hat dich besonders geprägt?
Der choreografische Prozess und die Premiere des Stücks Performance von Micaela Taylor. Diese Erfahrung markierte sowohl künstlerisch als auch persönlich einen Wendepunkt in meiner Karriere als Tänzerin bei Acosta Danza.
Hast du ein bestimmtes Ritual, bevor du die Bühne betrittst?
Bevor ich auf die Bühne gehe, brauche ich etwa eine Stunde, um meine Pilates-Routine zu absolvieren und mich gründlich zu dehnen. Ich habe das Gefühl, dass dieses Aufwärmen sowohl meinen Körper als auch meinen Geist auf die Vorstellung vorbereitet und fokussiert. Dadurch fühle ich mich sicher und bin mir der Kontrolle über jeden Teil meines Körpers bewusst. Ich weiß nicht, ob ich es als Ritual bezeichnen würde, aber es ist eine Routine, die ich seit Jahren befolge und mit der ich mich nach wie vor sehr wohlfühle.
Welche Persönlichkeit der Tanzgeschichte würdest du gerne auf einen Kaffee treffen – und warum?
Ich glaube, ich würde mich für Carlos Acosta entscheiden. Ich war sechs Jahre Tänzerin in seiner Compagnie Acosta Danza – auch wenn das nach einer langen Zeit klingt, habe ich das Gefühl, dass es nie genug war, um ihm für alles zu danken, was er für mich getan hat und weiterhin tut.
Welche Reaktion nach einer Vorstellung hat dich am meisten gefreut?
Ich erinnere mich besonders an einen Moment großer Unsicherheit während meiner Premiere in Faun von Sidi Larbi Cherkaoui. Es ist ein besonders anspruchsvolles Duett und ich brauchte einige Zeit, um mich sicher zu fühlen. Der Tag der Premiere war für meine Karriere unvergesslich, denn mir wurde bewusst, dass wir oft gerade an den Rollen, die uns vor die größten Herausforderungen stellen, am meisten wachsen können. Ein Satz nach der Premiere ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: „Vaya debut“ – „Was für ein Debüt“.
Welche Musik hörst du, wenn du nicht arbeitest?
Wenn ich nicht im Studio bin, höre ich sehr gerne brasilianischen Bossa Nova, weil er mir ein Gefühl von Nähe und Ruhe vermittelt. Ich finde, diese Musik verbindet auf ganz besondere Weise unterschiedlichste Emotionen. Aktuell bin ich geradezu besessen von Offering, dem neuen Album der französisch-kubanischen Zwillingsschwestern Ibeyi, deren Musik auf ungewöhnliche Weise Intimität, Dunkelheit, Spiritualität und einen unglaublich modernen Sound miteinander verbindet. Ich habe dieses Album zu einer Art Anker meiner kubanischen Identität gemacht, weil ich das Gefühl habe, dass es mich mit meinen Wurzeln und mit einem Teil von mir verbindet, der durch Musik lebendig bleibt.
Welche Rolle kann Tanz in unserer heutigen Zeit spielen?
Aus meiner Sicht kann Tanz in unserer heutigen Welt eine heilende Wirkung haben, weil er uns zu etwas zurückführt, das wir oft vergessen: unseren eigenen Körper. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Geschwindigkeit, Stress, Entfremdung und dem ständigen Bedürfnis geprägt ist, produktiv zu sein. Wir denken oft zu viel und fühlen zu wenig. Tanz bietet uns einen Raum, innezuhalten, zu atmen und wieder Kontakt zu unserem Körper aufzunehmen. Tanzen bedeutet nicht nur, eine Technik zu erlernen oder bestimmte Bewegungen auszuführen. Es bedeutet auch, auszudrücken, was wir manchmal nicht in Worte fassen können. Der Körper kann Emotionen, Erinnerungen, Ängste und Erfahrungen in sich tragen, und durch Bewegung können wir einen Weg finden, sie loszulassen oder zu verwandeln. Deshalb kann Tanz zu einer zutiefst persönlichen und heilenden Erfahrung werden. Ich glaube außerdem, dass Tanz eine Form des Widerstands gegen eine Welt sein kann, die uns häufig dazu bringt, den Kontakt zu uns selbst zu verlieren. Zu tanzen bedeutet, unser Recht zurückzufordern, zu fühlen, uns auszudrücken, Raum einzunehmen und uns auf eine menschlichere Weise mit anderen zu verbinden. Ich glaube nicht, dass Tanz die Wunden unserer Welt allein heilen kann. Aber er kann Räume für Verbindung, Achtsamkeit und Veränderung schaffen.