Rosy Wertheim wiederentdecken
Seit August arbeite ich nun als Dramaturg an der Staatsoper Hannover. Und es ist fulminant. Natürlich versuche ich auch hier, meine Wiederentdeckungslust auszuleben. Im Zweiten Sinfoniekonzert des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover am 26. und 27. Oktober 2025 gibt es ein besonderes Werk zu hören, über dessen Entdeckung ich euch erzählen möchte.
Das Stück ist von Rosy Wertheim (1888–1949). Für Orchester. Aber langsam … Angefangen hat alles, als ich vor ein paar Jahren Wertheims Sonate für Violine und Klavier As-Dur aus dem Jahr 1931 hörte …Diese schöne Nüchternheit, dieses Unaufgeregte, das mich fast ein bisschen an die Coolness einiger Werke von Paul Hindemith erinnerte. Diese Verspieltheit, dieses uneitle Miteinander. Ein bisschen Debussy darf man ruhig mithören. Französisch-entspannt. Kein Wunder: Wertheim verbrachte ein paar Jahre in Paris.
Rosy Wertheim wurde 1888 in Amsterdam geboren. Sie studierte in Paris, wo sich in ihrem Salon regelmäßig Komponisten wie Olivier Messiaen oder Darius Milhaud trafen. Dann entschied sie sich, bei Karl Weigl in Wien weiterzustudieren. Das war dann schon in den 1930er Jahren. Und für die Jüdin Wertheim wurde der „typisch wienerische“ Antisemitismus zu einer großen Belastung. Für eine kurze Zeit reiste sie nach New York, um dort ihre Werke (Klavierstücke, Kammermusik, Lieder …) zu promoten.
Dann kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück. Heute kann man in Amsterdam den Wertheimpark besuchen. Dieser Park allerdings ist nicht Rosy Wertheim gewidmet, sondern ihrem Großvater, einem bekannten Geschäftsmann.
Hört euch aber doch erst einmal die Sechs Stücke für Klavier von Rosy Wertheim an. Die sind zwischen 1926 und 1936 entstanden.
Am 10. Mai 1940 marschierten die Nationalsozialisten in Amsterdam ein. Die Jüdin Rosy Wertheim, inzwischen hatte sie über 100 Werke ganz unterschiedlicher Genres komponiert, ging irgendwann in den Untergrund. Dort veranstaltete sie heimlich Konzerte. Für andere Geflüchtete. Überhaupt muss sie eine extrem mutige, mitfühlende, soziale Person gewesen sein. Schon vor dem Krieg hatte sie Kindern aus finanzschwachen Familien kostenlos am Klavier unterrichtet.
Ich stelle mir die Situation in Amsterdam in den 1940er Jahren vor: Rosy Wertheim, völlig angstfrei, im Untergrund. Immer auf der Suche nach Musik … Ungebunden, frei von ihr aufoktroyierten „Pflichten“ (wie Familiengründung oder Ähnlichem). Darf man sich das so ausmalen, wie die Zeit von Władysław Szpilman im Warschauer Ghetto, von der die Welt erfuhr, als vor fast einem Vierteljahrhundert der Film Der Pianist herauskam?
Vielleicht aber erst einmal die im Folgenden verlinkten Zwei Lieder von Rosy Wertheim. 1933 komponiert. Im Angesicht bekannter Bedrohungen ...
Fast die gesamte Familie von Rosy Wertheim wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Rosy Wertheim überlebte, starb aber bereits 1949, nach zweijähriger Krebserkrankung im Alter von 61 Jahren in Laren (Nordholland).
Vor vielen Monaten habe ich mich auf die Suche gemacht. Nach Werken von ihr, die man vielleicht mit dem Niedersächsischen Staatsorchester Hannover (dem Orchester meiner Jugend, für das ich inzwischen arbeite …) spielen könnte. So kam ich auf die Variationen über ein altes holländisches Lied. Die Noten fand ich in Amsterdam. Handschrift. Ein noch nicht uraufgeführtes Werk! Das klang interessant.
Das schien für mich noch nicht das Variationsthema zu sein. Nee, klar: die Einleitung! Erst dann kam so etwas wie ein Thema …
Die Melodie verteilt Wertheim aber auf mehrere Instrumente:
Es blieb aber das Problem, dass ich noch nicht wusste, um welches Lied es sich genau handelte …
Bei der Recherche kam heraus, dass Rosy Wertheim sich in ihren Orchester-Variationen von 1916 diesem Lied widmet: Das Lied handelt von einem Fischerjungen, der seines Weges geht und an dem Haus der Müllerin vorbeimuss. Diese verlangt aber drei Küsse von ihm. Erst dann darf er weiterziehen.
Die Variationen von Rosy Wertheim sind erst ganz schlicht, ein bisschen „brahmsig“ instrumentiert. Danach wird es teilweise ziemlich witzig, exotistisch. Am Ende macht Wertheim aus dem Thema eine zappelnde Fuge.
Ich habe das Werk also aus der Handschrift abgeschrieben. Der Donemus-Verlag in Amsterdam hat die Einzelstimmen erstellt, damit das Werk auch vom Niedersächsischen Staatsorchester Hannover gespielt werden kann. Tja, und irgendwann war die letzte Seite erreicht.
Im März 2025 bin ich dann nach Amsterdam gefahren. Ich musste wenigstens zur Rosy-Wertheim-Straße im architektonisch völlig ambitionierten Amsterdam-Süd.
Rosy Wertheim hätte natürlich viel mehr verdient. Aber vielleicht kommt das ja noch. Ins hervorragende Jüdische Museum Amsterdam bin ich dann auch gegangen. Die Geschichte der Shoah wurde dort natürlich auch dort thematisiert.
Eine ältere Mitarbeiterin des Jüdischen Museums wusste von Rosy Wertheim. Aber ein eigener Ausstellungsbereich ist der Komponistin (wie gesagt: noch!) nicht gewidmet. Wäre längst an der Zeit.
Zum Zeitpunkt meines Besuchs in Amsterdam stand auch schon fest: Am 26. Oktober 2025, 17:00 Uhr (Wiederholung des Konzerts am 27. Oktober, 19:30 Uhr) wird das Niedersächsische Staatsorchester unter dem Dirigenten Patrick Lange die Variationen über ein holländisches Lied von Rosy Wertheim uraufführen.