Moderatorin: „All the Sex I’ve Ever Had“ steht über einem Abend, bei dem Menschen über die intimste Seite ihres Lebens ganz offen sprechen. Dramaturgin Salima El Kurdi zum Performance-Konzept.
Salima El Kurdi: Es ist ein Konzept, eine Produktion von Mammalian Diving Reflex. Das ist eine kanadische Performancegruppe, die auf der ganzen Welt dieses Konzept schon umgesetzt hat, immer mit verschiedenen Teammitgliedern. Also auch das Team an sich ist schon sehr divers aus der ganzen Welt. Und das Spannende ist, dass es ein sehr starres Konzept ist. Also die Vorstellungen sind relativ ähnlich auf der ganzen Welt und gleichzeitig ist es eben super unterschiedlich, weil die Menschen auf der Bühne natürlich immer andere Menschen sind. Und auch jetzt wird es, glaube ich, sehr Hannover-spezifisch und man wird Orte aus Hannover wiederentdecken, die in den Erzählungen sehr wichtig sind.
Moderatorin: Und diese Geschichten werden eben nicht von einem Schauspielensemble präsentiert.
Salima El Kurdi: Genau, es sind alles Menschen aus Hannover, die die verschiedensten Berufe haben, die einfach nur vereint, dass sie über 65 sind und sich trauen, über dieses Thema auf einer Bühne zu sprechen. Und das Spannende ist, dass sie wirklich ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Wir haben angefangen mit Workshop-Tagen, wo wir uns erst mal alle miteinander ausgetauscht haben. Alle unsere Geschichten erzählt haben. Dann gab es ganz intensive vierstündige Interviews mit den Performer*innen und auf der Basis von diesem Interview wird jetzt der Text, der auf der Bühne performt wird, geschrieben. Also es geht wirklich um die eigenen Geschichten.
Moderatorin: Es sind Geschichten von Menschen zwischen 65 und 80 Jahren. Und die sind auch für die jüngere Generation sehr interessant, sagt die Dramaturgin.
Salima El Kurdi: Auch diese Generationen sind schon in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen. Und dass ich so auch Zeitgeschichte und hannoversche Zeitgeschichte anhand dieser Geschichten entdecken kann, finde ich so spannend. Die meisten Personen sind aufgewachsen in einer Zeit, wo man einfach noch gar nicht über Sex gesprochen hat. Die wurden nicht aufgeklärt, die haben ihre Periode bekommen und wussten nicht, was das ist, was das bedeutet, haben nur gemerkt, auf einmal verändert sich alles um sie herum. Sie werden anders betrachtet. Gleichzeitig haben wir ja diese 68er-Generation bei uns, die dann die komplette freie Liebe in ihren Studienjahren gelebt haben. Und ich glaube, das Schönste ist zu sehen, dass dieses Thema eben nicht irgendwann aufhört, sondern dass viele von den Teilnehmer*innen und Performer*innen jetzt den besten Sex ihres Lebens haben und das jetzt noch mal ganz anders entdecken und auf einmal alle Hemmungen fallen. Und dieses vor anderen Menschen performen zu müssen auf einmal wegfällt mit dem Alter. Das ist eine Perspektive, die ich vorher noch nicht hatte und die ich total spannend finde.
Moderatorin: Erfahrungsberichte zu einem generationsübergreifenden Thema. Und im Sinne des Spielzeitmottos „Liebe will riskiert werden“ ist es ein Abend ohne Scham.
Salima El Kurdi: Ich glaube, es geht genau darum, dass es eben nicht zum Schämen ist, sondern dass es egal wie alt man ist, wie alt ich bin, wie alt die Personen auf der Bühne sind, dass wir irgendwie ähnliche Erfahrungen machen. Und das ist eher das Spannende, dass diese Menschen, die auf der Bühne stehen, eben so viel mehr Erfahrung schon gemacht haben, so viel mehr erzählen können, so viel mehr schon reflektiert haben, erlebt haben. Und deswegen ist es, glaube ich, auch als junge Person, die zuguckt, eher erleichternd zu sehen, ah okay, es ging auch Menschen vor 60 Jahren schon so, wie es mir jetzt geht. Es sind ja auch viele jüngere Menschen im Team und da haben wir jetzt irgendwie auch gemerkt, das gibt irgendwie Mut und Hoffnung. Dass sich noch total viel verändert und dass das Leben eben nicht aufhört, sondern es ist noch eine lange Reise.
Moderatorin: „All the Sex I’ve Ever Had“, Premiere am 6. März auf der Cumberlandschen Bühne. Alle Infos, weitere Termine und Tickets wie immer im Netz unter www.staatstheater-hannover.de.