Eines der zentralen Opernwerke der 1920er Jahre ist erstmals in Hannover zu sehen: Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt. Durch die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich gerieten das Werk und sein Komponist lange in Vergessenheit. Dramaturgin Sabine Sonntag zeichnet den Weg der Entstehung und Aufführungsgeschichte bis zur Hannoveraner Erstaufführung von Die tote Stadt in den wichtigsten Stationen nach.
1892
Der Roman Bruges-la-Morte (Das tote Brügge) von Georges Rodenbach (1855–1898) wird veröffentlicht.
1898
Rodenbachs Drama Le Mirage, basierend auf seinem Roman Bruges-la-Morte, wird im Nachlass entdeckt, 1901 publiziert und 1902 von Siegfried Trebitsch als Das Trugbild ins Deutsche übertragen. Max Reinhardt inszeniert die Uraufführung 1903 in Berlin. 1913 veröffentlicht Trebitsch das Drama unter dem Titel Die stille Stadt neu. In dieser Form lernt Erich Wolfgang Korngold den Stoff kennen, der später zur Grundlage für Die tote Stadt wird. Den Roman liest er erst anschließend.
1904
Der belgische Maler Fernand Khnopff (1858–1921) fertigt Illustrationen zu Rodenbachs Text an: „Die Stadt als Hauptfigur, verbunden mit den Gemütszuständen, die berät, abbringt, zum Handeln anregt.“
1915
Rodenbachs Roman wird erstmals als Stummfilm verfilmt. Der Film gilt heute als verschollen.
1916
Im Sommer schlägt Siegfried Trebitsch dem 19-jährigen Erich Wolfgang Korngold Die stille Stadt als Opernsujet vor. Korngold ist begeistert. Der Arbeitstitel der Oper lautet Der Triumph des Lebens. Von Korngolds Plan, erneut eine einaktige Oper zu schreiben, rät ihm sein Librettist Hans Müller ab. Bereits bei dem Einakter Violanta hatten beide zusammengearbeitet. Müller entwirft den ersten Akt in Prosa. Erich und sein Vater Julius Korngold befinden jedoch, der Entwurf sei zu wortreich und nicht für eine Vertonung geeignet. Julius Korngold springt kurzerhand selbst als Librettist ein und berichtet später in seinen Memoiren: „Die Umgestaltung zu einer Traumhandlung war meine Idee.“
1917
Beginn der Komposition mitten im Krieg. Erich Wolfgang Korngolds Arbeit am ersten Akt dauert fast ein Jahr.
1919
Beginn der Instrumentierung.
1920
Julius Korngold schreibt: „Die Beendigung der Partitur hatte sich der Komponist für den 15. August 1920 vorgenommen.“ An diesem Tag wird sie tatsächlich fertig. Am 4. Dezember 1920 findet die Doppeluraufführung in Hamburg und Köln unter der musikalischen Leitung von Otto Klemperer statt.
1921
Wiener Erstaufführung von Die tote Stadt mit Maria Jeritza als Marietta. Weltweit entstehen bis 1933 rund 80 Produktionen der Oper.
1934
Regisseur Max Reinhardt lädt Korngold nach Hollywood ein, um das musikalische Arrangement für dessen Filmversion von Ein Sommernachtstraum zu erstellen. Aufgrund des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus bleibt Korngold in den USA und avanciert dort zu einem erfolgreichen Filmmusikkomponisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert sich in Europa jedoch kaum noch jemand für seine Musik. Korngold stirbt 1957 in Los Angeles.
1959
Alfred Hitchcocks Film Vertigo erscheint und weist deutliche Bezüge zu Rodenbachs Roman sowie zu Korngolds Oper auf. Bereits Hitchcocks Rebecca (1940) zeigt parallele Handlungsmotive zu Rodenbach und Korngold.
1967
Der österreichische Operndramaturg Marcel Prawy produziert Die tote Stadt an der Volksoper Wien.
1975
Die New York City Opera zeigt Die tote Stadt. Für diese Inszenierung werden Videoeinblendungen und Fotografien aus Brügge benötigt. Sie stammen aus einem kurzen Spielfilm des Briten Ronald Chase, der 1978 unter dem Titel Bruges-la-Morte veröffentlicht wird. Der Low-Budget-Film orientiert sich stärker an Korngolds Oper als an Rodenbachs Roman – etwa indem die Hauptfigur Paul statt Hugues heißt und die Frauenfigur Marie-Marietta statt Jane. Im Anschluss entsteht unter der Leitung von Erich Leinsdorf eine Schallplattenaufnahme mit René Kollo, Hermann Prey und Carol Neblett.
1983
Götz Friedrich inszeniert Die tote Stadt an der Deutschen Oper Berlin. Die Produktion löst eine weltweite Renaissance der Oper aus. Sie wird im Fernsehen übertragen und erscheint später auf DVD.

1990
Der österreichische Psychoanalytiker Erwin Ringel beleuchtet die Oper erstmals aus psychoanalytischer Sicht.
2008
Die ersten großen Korngold-Biografien erscheinen, darunter Guy Wagners Korngold: Musik ist Musik (Berlin 2008) und Brendan G. Carrolls Erich Wolfgang Korngold: Das letzte Wunderkind (Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2012).
2019–2026
Seit ihrer Wiederentdeckung 1983 wurde Die tote Stadt in mehr als 100 Produktionen weltweit gezeigt. Neuere Inszenierungen entstanden unter anderem in Zürich, Moskau, Weimar, Mainz, Kaiserslautern, Meiningen und Bremerhaven.
2026
Erstaufführung von Die tote Stadt an der Staatsoper Hannover am 9. Mai.