Vasco Boenisch, Valerie Göhring und Cathrin Rose im Gespräch über die erste Spielzeit am Schauspiel Hannover – und ihre Pläne für die zweite.

Kristina Wydra (KW): Zu Beginn habe ich eine Frage, die mit dem Intendanzmotto zu tun hat – Liebe will riskiert werden …

Vasco Boenisch (VB): … oder wie wir in Verona, der Stadt unserer Eröffnungspremiere, sagen würden: L’amore va rischiato!

KW: Ich wüsste gern: Jetzt gerade im Moment, wie viel Liebe und wie viel Risiko spürt ihr in eurer täglichen Arbeit?

Cathrin Rose (CR): Liebe ist ja immer auch mit ganz viel Risiko verbunden. Wird man zurückgeliebt? Was bedeutet es, wenn man liebt? Ist das mit Schmerzen verbunden? Oder mit Freude? Von daher würde ich sagen, dass in meiner Arbeit die ganze Zeit sehr viel Liebe und sehr viel Risiko vorhanden sind.

Valerie Göhring (VG): Ich arbeite seit zehn Jahren am Stadttheater, und ich finde, dass das Stadttheater die perfekte Kombination aus Liebe und Risiko ist. Weil man jedes Mal wieder künstlerisch etwas investiert und wagt, sehr viel Liebe rein gibt in eine Inszenierung und dabei natürlich die Hoffnung 
besteht, dass sie ganz toll wird. Gleichzeitig hat man (noch) das Riesenprivileg, dass es nicht immer funktionieren muss, sondern man auch mal scheitern kann – an sich selbst, am Publikum, am Thema, aneinander. Deshalb finde ich es so wichtig, weiterhin in diesen alten Institutionen zu arbeiten, trotz all ihrer Herausforderungen, dass man viele Kompromisse eingehen und viel stärker im Austausch sein muss. Arbeit in den Institutionen ist ein Training in Ambiguitätstoleranz. Anders als wenn man z.B. mit einer eigenen Kompanie und an einer künstlerischen Sprache arbeitet. Daher: Es ist ein guter Mix aus Liebe, Risiko und Kontinuität.

VB: Kulturpolitisch könnte man fragen: Wie viel Risikobereitschaft können wir uns aufgrund von wirtschaftlichen Zwängen leisten? Ich hoffe aber und arbeite als Intendant daran, dass das für die Künstler*innen nicht so spürbar ist, weil es mir wichtig ist, auch künstlerische Risiken einzugehen und dafür Freiräume zu ermöglichen. Um aber direkt auf die Frage zu antworten: Ich habe den Eindruck, dass wir viel Liebe investieren und viel Liebe vom Publikum zurückbekommen. Der Start ist mit großer Gegenliebe beschenkt worden. Manchmal staune ich auch, was von wem als riskant eingeschätzt wird. Eine Inszenierung wie „Hamlet: R2D2 or not 2B2“ stellt für mich ein Risiko dar – das sich künstlerisch vollends ausgezahlt hat. Ich habe es aber auch als ein Risiko empfunden, die Intendanz mit „PRIDE“ zu eröffnen, und war verblüfft, dass manche professionellen Kritiker*innen der Meinung waren, das wäre – genau im Gegenteil – eine sichere Nummer gewesen. Da möchte ich erwidern: Im aktuellen gesellschaftlichen Klima und mit Blick auf die Erwartungen an ein Stadt- oder Staatstheater mit einem queer-emanzipativen Abend zu eröffnen, betrachte ich nicht als eine sichere Bank, freue mich aber darüber, mit wie viel Begeisterung dieser Abend über eine queere Zielgruppe hinaus aufgenommen wurde.

KW: Was macht die Theaterarbeit in Hannover für euch bislang aus? Was hat euch überrascht, was ist anders als in anderen Städten?

VG: Ich bin von Hannover sehr positiv überrascht und finde, man kann hier gut arbeiten und sein. Es gibt viel öffentlichen Raum, viel Grünes, Bibliotheken. Wenn ich Künstler*innen zu Besuch habe, merke ich, dass die Infrastruktur dazu einlädt, sich zu begegnen. Es gibt nicht unendlich viele Bars; die Wahrscheinlichkeit, dass man sich trifft, ist größer. Wir beide, Kristina, haben ja neulich prompt Stefan Gohlisch von der HAZ im „Ombra“ getroffen. Liebe Grüße! Das streichen wir nicht raus, das kommt rein. Oder Yana Eva Thönnes, die sich Schauspieler*innen angeguckt hat, ist am Ende bei einer Karaoke-Nacht mit Teilen des Ensembles und der Dramaturgie gelandet.

CR: Ich finde besonders, in welchen Mengen hier Schulklassen jeden Alters und jeder Form ins Theater gehen – und sich alles ansehen. Selbst wenn wir z.B. bei „Hamlet: R2D2 or not 2B2“ sagen: explizite Nacktheit, vielleicht keine gute Idee – sie kommen trotzdem. Es gibt nicht diese Haltung, die ich aus 
anderen Städten kenne: „Wir wollen klassisches Theater! Das ist zu lang, zu überfordernd!“ Sondern vielmehr: „Wir probieren was aus.“ Das finde ich einzigartig.

KW: Was waren Lieblingsmomente bisher?

VB: Ich muss schon sagen: Wenn nach einem dreistündigen „PRIDE“-Abend keine zwei Sekunden vergehen, bis der ganze Saal steht, ist das gewiss nicht der einzige Moment, der für mich wertvoll ist, aber der mir schon durch Mark und Bein geht. Weil sich nicht nur Begeisterung vermittelt für das, was wir machen, sondern auch ein Vertrauen oder eine Hoffnung darauf, dass es einen Konsens gibt, was gegenseitigen Respekt und Menschenrechte betrifft. Das gibt mir Hoffnung.

VG: Die Eröffnungspremiere war auf jeden Fall einer der glücklichsten Momente meines Lebens bis jetzt. Ein kollektives Glückserlebnis, das sieht und fühlt man sogar noch, wenn man sich die Fotos davon anschaut. Aber ich bekomme fast immer Gänsehaut, wenn ich bei Veranstaltungen bin und mitbekomme, dass sich Menschen für das interessieren, was wir uns in endlosen Zoom-Calls und Meetings ausgedacht haben. Das ist schon das Besondere am Kunstmachen: dass man sich gemeinsam etwas ausdenkt, was es sonst nicht geben würde und was plötzlich Realität wird. Gerade im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz: einfach selbst etwas kreieren, mit vielen anderen Menschen zusammen.

CR: Für mich ist es die Erfahrung mit unserer Aufführung „Der unsichtbare Mann“. Sie ist ja ab vier Jahren, und wenn man in einer Vorstellung mit vielen Kindern sitzt und sieht, was für eine Wirkung Theater auf die hat, die gar nicht drüber nachdenken und das einfach nur erleben – zu sehen, dass das funktioniert, finde ich fantastisch.

VB: Jetzt schwelgen wir so viel. Ich möchte euch eine Frage stellen, weil ich vorhin das Wort Hoffnung gebraucht habe: Was gibt euch Hoffnung?

KW: Mir gibt schon das, was wir hier tun, Hoffnung. Ich finde, unsere Arbeit hat etwas Utopisches, weil sie ermöglicht, ernst gemeinte Diskussionen zu führen oder anzuregen, und auch, weil man Gemeinschaft erlebt. Gedanken und Erfahrungen teilen kann. 

VG: Man merkt, dass man weiterkommt, wenn man Leute um sich hat, mit denen man eine gemeinsame Basis teilt, wie z.B.: Wir vertrauen auf das Grundgesetz. Wer hätte gedacht, dass nicht einmal mehr das Konsens ist in leider großen Teilen der Gesellschaft. Wenn man mit Menschen arbeitet, mit denen man bestimmte Werte teilt, fühlt es sich leichter zu bewältigen an, dem Alltag zu begegnen. Das gibt mir Hoffnung. Und: Bücher lesen!

CR: Die Frage setzt ja voraus, dass man Hoffnung hat. Nach den Aussagen von Friedrich Merz neulich Abend, als er sich zu der Gewalt gegen Frauen im Netz äußern sollte und direkt wieder die Debatte benutzt hat, um rassistische Vorurteile zu verbreiten – danach habe ich wirklich schlecht geschlafen und bin mit wenig Hoffnung aufgestanden. Zu wissen, dass unser Bundeskanzler Positionen vertritt, die ich eher bei der AfD verordnet hätte, macht mir wirklich Angst. Hingegen in einer Inszenierung im Theater zu sitzen, wo etwas zwischen Bühne und Publikum passiert, gibt mir Hoffnung, ja.

VB: Ist Hoffnung eine angemessene Kategorie, um Kunst zu beurteilen? – Ich persönlich kann auch Kunst lieben, die mich an Abgründe führt.

VG: Das ist ja einer der Konflikte, dass es den Kulturinstitutionen vor nicht so langer Zeit eher darum ging, die Menschen herauszufordern und auch zu provozieren, aber jetzt das Theater zum Safe Space geworden ist. Die Form des Kunstmachens hat sich stark verändert. Was nicht schlecht ist, nur anders.

VB: Wir haben das auch für die Spielzeit 26/27 diskutiert: Wie düster oder hell kann ein Spielplan sein, wie optimistisch oder pessimistisch? Man kommt nicht umhin zu attestieren, dass Hoffnung, Empowerment, Zusammenhalt explizit Beweggründe sind, warum Menschen Theater aufsuchen, auch als einen der letztenOrte, wo man einander leibhaftig begegnet und inspiriert wird. Dennoch finde ich die Frage genauso relevant, wo wir irritieren, wo wir herausfordern, wo wir verstören? Inwiefern wird das von Menschen noch als Bereicherung empfunden?

KW: In „Der Krieg ist vorbei“ fragt Jakob Nolte: „Warum können unsere Gesetze keine Gedichte sein?“ Daran musste ich gerade denken bei der Frage nach Hoffnung oder Verunsicherung im Spielplan.

VB: Das – allgegenwärtige – Gefühl von Verunsicherung findet sich auch in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, mit der wir im Ballhof 1 in die Saison starten. Und es wird auch in dem Auftragswerk von Falk Richter „The Early Light of Spring“ eine Rolle spielen, diese Zerrissenheit zwischen düsterer Wirklichkeit und der Suche nach einem Hoffnungsschimmer …

VG: ... oder in Thomas Melles „Haus zur Sonne“: Ein Mensch möchte sich aus dem Leben verabschieden, weil er keinen Sinn mehr sieht und der Leidensdruck zu hoch ist. Das ist auf eine Weise ein düsterer Stoff, aber auch sehr existenziell und am Ende lebensbejahend. Es geht um Scheitern und Freitod, aber man wird auch mit der Frage konfrontiert, wie man eigentlich sein Leben führt – und wie man es, um es etwas cheesy mit Rilke zu sagen, ändern muss, um glücklich zu sein.

CR: Gerade bei „Haus zur Sonne“ finde ich auch den Akt, das auf die Bühne zu bringen und zu wissen, das Publikum kann es dann gemeinsam erleben und darüber sprechen, sehr hoffnungsvoll.

VB: Und so wohnt der eigentlich privaten Situation dieser Hauptfigur auch etwas Politisches inne: Wie gehen wir in der Gesellschaft mit Menschen um, die depressiv oder krank sind. Oder alt. Das wird auch in „Nur zu deinem Besten“ thematisiert, unserer ersten kleinen Koproduktion mit der Staatsoper. Manche Inszenierungen scheinen zuerst vielleicht nicht politisch, sind es aber doch; denn sie stellen im Kern große Fragen. Mein Eindruck ist, dass das auch ein Angang von Lena Brasch in ihrer Interpretation von „Romeo und Julia“ ist. Nicht nur große Love Story, sondern auch eine Geschichte der Generationenkonflikte.

CR: Generationenkonflikte und -gerechtigkeit bewegen uns im Jungen Schauspiel auch. Bei der „Roten Zora“ ganz besonders. Da geht es auch um eine vulnerable Gruppe, nämlich Kinder – wie Darren O‘Donnell immer sagt: „die letzte Gruppe in unserer Gesellschaft, die legal diskriminiert werden darf“. Es geht um eine Gruppe Kinder, die keinen Platz in der Gesellschaft haben. Alles, was sie wollen, ist, irgendwo dazugehören. Viele Menschen kennen die Verfilmung und denken, das sind Kinder, die ein Abenteuer erleben. Aber die sind arm, haben keine Eltern, niemand kümmert sich um sie. Und ja, es ist unser Familienstück, ja, es geht gut aus, ja, es ist empowernd, aber die Kinder müssen alles alleine schaffen, weil die Erwachsenen es nicht tun. Ich finde es sehr wichtig, auch über das Familienstück genau solche Themen zu setzen.

VG: Bei „Romeo und Julia“ ist es ähnlich, da legen wir den Fokus auf eine degenerierte Erwachsenengeneration, die bei all ihrer Besessenheit von Verletzungen der Vergangenheit gar nicht mitbekommt, dass ihre Kinder sich in der Gegenwart gerade gegenseitig den Tod bringen, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, einem Konflikt nachzueifern, an dessen Ursprung sich niemand mehr erinnert, für den aber sie allein verantwortlich sind.

CR: Auch in „Und die Welt, sie fliegt hoch“, einer Produktion für Menschen ab elf Jahren, stehen zwei junge Erwachsene im Mittelpunkt, die sich im virtuellen Raum kennenlernen und viel miteinander teilen – getrennte Eltern, Einsamkeit, Ängste – und die sich selbst helfen müssen. Die Konflikte kommen über die Erwachsenen, von außen. Das zieht sich durch unseren Spielplan. Wir behaupten ja mit dem Theater gerne und auch zu Recht, dass es ein Ort ist, um andere Perspektiven kennenzulernen.

VB: Deswegen freut es mich besonders, dass wir den „Ring des Nibelungen“ von Necati Öziri auf die Bühne bringen. Darin kommen viele Figuren aus der Welt von Wagners berühmter Oper zu Wort, aber stellvertretend für Perspektiven, die sonst viel zu selten gehört werden: Frauen, Postmigrant*innen, anders Marginalisierte. Das Stück ist ein starkes politisches Korrektiv, und das ganz bewusst im Kontext eines traditionellen „Kulturtempels“ wie dem eines Staatstheaters. Vielleicht auch eine Programmempfehlung für den deutschen Bundeskanzler?

CR: Und den Kulturstaatsminister laden wir zu „Wokey Wokey“ ein.

VG: Das zweite große Thema, das sich in unseren Spielplan eingeschlichen hat – zunächst ungeplant, aber man kommt nicht drum herum: Männer. Wir müssen leider über Männer sprechen. Will man eigentlich gar nicht mehr, aber es geht nicht anders. Weil maßgeblich alte, weiße Männer die Welt gerade zugrunde richten. Wie schafft man es da eigentlich noch, mit Männern zu leben? So heißt ja auch das tolle Buch über den Pelicot-Prozess von Manon Garcia, die darüber schreibt, was es mit Frauen macht, ständig von Gewalterfahrungen zu hören und von dieser Form von Männlichkeit, die so eine Lust an Zerstörung hat. Dem wollen wir begegnen: sei es in „Rausch“ nach dem Film von Thomas Vinterberg, sei es in „Lolita“ von Yana Eva Thönnes, die sich explizit mit der Täterperspektive auseinandersetzt. Letztlich gehören für mich auch „Trommeln in der Nacht“ und „Der Krieg ist vorbei“ zu diesem Komplex rund um Männer, die die Welt in Asche legen.

VB: Und die dann noch versuchen, ihrem Tun einen Sinn abzuringen. Oder zumindest so zu performen. „Der Krieg ist vorbei“, klingt ja erst mal wunderbar positiv. Jakob Nolte ist aber ein Schlitzohr. Sein philosophisches Theaterstück bringt fünf Menschen aus Politik, Theater und Wirtschaft zusammen, die das Kriegsende herbeirufen wollen, aber am Ende Bomben mit Kartoffeln vertauschen, bis die Sprache zum Spiel wird. Obwohl irgendwo doch im Ernst Krieg herrscht. Ich bin riesig gespannt, wie die gefeierte Anita Vulesica bei ihrem Hannover-Debüt das inszenieren wird.

CR: Auch in „Antigone“ ist ein kriegerischer Konflikt die Ausgangssituation. Und wie bei der „Roten Zora“ geht es darin auch um Widerstand.

KW: Daran dachte ich eben, als wir über Hoffnung sprachen: dass einige Positionen im Spielplan auch von Widerstand handeln – und Hoffnung und Widerstand eng verbunden sind.

CR: „Antigone“ wurde explizit vom Draufsichtsrat gewünscht, also von den Kindern und Jugendlichen, mit denen wir zusammenarbeiten, die sich genau dafür interessiert haben, dass da eine junge Person ist, die aufbegehrt. Die sich für Menschlichkeit einsetzt und dafür mit dem Leben bezahlt.

VB: „Nehmen wir an, wir sind Menschen“, heißt es so schön in Jakob Noltes Stück!

VG: Oder nehmen wir an, wir sind lustig. Damit setzen wir uns auch auseinander, in unserem Liederabend „HAHA“. Dass Lachen ein widerständiges Potential haben kann und dass wir es nicht verlernen dürfen, die Dinge mit Humor zu betrachten. Es gibt noch ein tolles Zitat, ich glaube, es ist von Maoz Inon, einem Friedensaktivisten, der beide Eltern am 7. Oktober verloren hat: „Hoffnung hat man nicht, man schafft sie.“ Ich finde, das passiert auch, wenn man Kunst rezipiert. Es entsteht Hoffnung. Nicht ohne Grund sagen Menschen, dass es ihnen in den schlimmsten Lebenslagen geholfen hat, sich an ein Gedicht zu erinnern. Es gibt einfach noch etwas anderes, als sich vereinzelt im Internet zu beschimpfen. Ich habe das Gefühl, die Menschen sehnen sich wieder mehr danach. Wir müssen halt weiter auf eine gemeinsame Welt bestehen.

 

Das Gespräch führte Kristina Wydra, Pressesprecherin und Leiterin der Abteilung Kommunikation und Marketing.