
Guten Abend,
sehr geehrter Herr Minister, lieber Falko Mohrs,
liebe Partner*innen, Förder*innen, liebe Gesellschaft der Freunde des hannoverschen Schauspielhauses,
liebes Publikum!
Vorbei ist der Sommer – aber was für ein Sommer war das bitteschön!?
Ich kann Sie beruhigen: Dieser Saal ist klimatisiert, hier sind Sie sicher vor Rekordhitze.
Auch vor Waldbränden, Niedrigwasser, Überschwemmungen.
Vor Drohnen sowieso. Ich würde auch sagen vor Terror. Krieg.
Vor Verfassungsfeindlichkeit, rechtem Mob, islamistischem Mord, faschistischem Mord.Vor Donald Trump, Putin – vor wem auch immer.
Vor Aggression, Trauer, Schmerz, Ungerechtigkeit, Aussichtslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Verunsicherung …
Wobei? Stimmt das?
Sind wir davor hier wirklich gänzlich sicher?
Beziehungsweise: Ist das überhaupt in unserem Sinn – sich gedanklich abzuschotten?
Wir eröffnen heute die neue Theatersaison 26/27.
Aber was ist Theater heute?
Was soll Theater heute?
Theater zeigt Wirklichkeit, verfremdet Wirklichkeit.
Und Theater ist Wirklichkeit, formt Wirklichkeit.
Theater ist immer gleichzeitig Ab- und künstlerisches Zerrbild der Wirklichkeit.
Und auch eine soziale und politische Wirklichkeit in sich selbst, als sozialer und politischer Akteur.
Wie wir uns verhalten, was wir tun – auch: was wir nicht tun – spielt in die Realität zurück. Hat Einfluss: auf jede Person, die zuschaut. Einfluss auf jede mitarbeitende Person, die in diesem sozialen Gefüge „Theater“ mitmacht.
Was erwarten Sie also heute von diesem Theater?!
Was wollen Sie sehen und erleben?
Wir befinden uns eine Woche nach einer historischen Landtagswahl und zwei Tage vor einer Schauen-wir-mal-Kommunalwahl und vor allem jeden Tag in einem immer enger werdenden Wettlauf um Ressourcen, Freiheiten und Deutungshoheiten.
Ich kann und ich will davor, wenn ich Sie heute hier zur neuen Spielzeit begrüße, nicht die Augen verschließen.
Wenn ich mich und Sie also frage: „Was erwarten wir von diesem Theater?“, dann dürfen wir – zu allererst mal – die Antwort auf diese Frage nicht völkischen Vordenkern rechtsextremistischer Parteien überlassen.
Und ich kann nur jeden Menschen in der Politik aufrufen, jeden Menschen der demokratischen Parteien: Beschäftigen Sie sich mit Kultur!
Nicht, weil ich der Meinung bin, dass es wenig Schöneres und Inspirierenderes gibt.
Sondern weil Sie sonst die Werte, an die wir glauben und auf denen unser Land gebaut ist, verraten und verlieren werden.
Die Rechten haben die Kultur schon immer als Feld des politischen Kampfes erkannt, und deshalb besetzen sie es.
Also mischt euch ein!
Kulturpolitik ist heute mehr denn je: Demokratiepolitik.
Der Kulturkampf (den ich vor genau einem Jahr an dieser Stelle schon benannte), der tobt.
Er tobt geifernd auf Marktplätzen, in Talkshows und in Parlamenten, aber er tobt nicht immer nur laut, er tobt auch leise, schleichend, perfide – und darum nicht weniger wirksam.
Unsere Pflicht als Künstler*innen (und als Demokrat*innen) ist es, genau hinzuhören, die Zeichen zu lesen – und wach zu bleiben, einander aufzuwecken, anzustoßen, was da gerade in unserer Wirklichkeit und mit unserer Welt passiert!
„Der Traum ist aus“, werden Sie gleich den Kinderchor der Staatsoper Hannover singen hören ...
Was ich meine, ist: Der Traum ist aus – dass wir uns weg ducken könnten.
Dass das „da draußen“ oder „die Anderen“ vermeintlich nichts mit uns zu tun hätten.
Uns nicht berühren, erreichen könnten.
Keinen nennenswerten Einfluss bekämen.
Der Einfluss ist jetzt schon spürbar.
Das Klima – damit meine ich jetzt das politische, zwischenmenschliche – hat sich bereits verändert.
In solch einem Klima kann – wie vor wenigen Wochen in Berlin – die 6-stündige exklusive Nutzung eines temporären Schwimmbeckens vor einem Theater durch einen Verein, der Schwarze Kinder und Jugendliche betreut, zum Kulturkampf-Fanal werden. Obwohl, wie vielmals festgestellt wurde, eine temporäre Nutzung von Schwimmbädern für andere Gruppen, etwa Frauen oder Senior*innen, in diesem Land Gang und gäbe ist.
Die rechte Hetze, die darauf einsetzt, hat sich längst vom eigentlichen Anlass entkoppelt – und ist zu einem lukrativen Geschäftsmodell für bestimmte Medien und Karrierist*innen geworden.
In diesem Geschäftsmodell sind wir als Theater – wir (so genannte) „linke, woke, dekadente Theater“ – die Reiz-Stimulatoren.
Ein willkommener Anlass für selbstreferenzielle rechte Propaganda.
Deshalb sage ich, auch mir selbst:
Unser künstlerisches Programm nach diesen Ideologien auszurichten, vielleicht in der Hoffnung, verschont zu werden – das ist schlicht selbstzerstörerisch.
Die Feindbilder sind längst klar. Die ändern wir nicht mehr. Weil sie den anderen nutzen.
Das anzuerkennen, das tut weh.
Festzustellen: Der Traum ist aus, dass Werte wie Vielfalt, Respekt, Menschenrechte Common Sense wären oder zumindest werden.
Dass:
… Vernunft und Wissenschaft und Fakten obsiegen würden.
… dass Klimaschutz höchste Priorität, und zwar weltweit, gewinnen könnte.
… dass in Deutschland nie wieder faschistische Ideen und Ideolog*innen Oberwasser gewinnen würden.
… dass Hass, Verachtung, Selbstermächtigung nie mehr salonfähig werden würden.
… dass Menschen in dieser Bundesrepublik ungeachtet ihrer Religion, ihres Aussehens, ihrer Identität, ihrer Herkunft oder der ihrer Vorfahren, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Behinderung garantiert (!) in Frieden und Freiheit miteinander leben könnten.
Der Traum – ist aus.
Und jetzt kommt das Theater.
Das Theater als Safe Space.
Oder das Theater als Konflikt-Space?
Theater als Eskapismus-Space, als Streichel- und Empowerment-Space?
Oder als Irritationsspace, als Reibungs- und Provokationsspace?
Vor einem Jahr habe ich hier ausgerufen: Wir wollen mit dem Schauspiel Hannover ein Wärmezentrum sein.
So ist es immer noch.
Wir wollen zusammenkommen und zusammenstehen – in Vielfalt und Unterschiedlichkeit, in gegenseitigem Respekt.
Weil wir glauben, dass aus Empathie, Solidarität und Kreativität viel mehr Kraft erwächst als durch Isolation, Egoismus, Aggressionen.
Nur: Diskussion, Debatte, Irritation sind integraler Bestandteil.
Wärme entsteht auch durch Reibung.
Deshalb – nennen Sie es Dialektik oder schlicht „sowohl als auch“:
„Ein Theater ist ein Unternehmen, das Abendunterhaltung verkauft.“
Ja, so konsument*innenfreundlich hat es Bertolt Brecht mal definiert.
(Und mit Brecht werden wir diese Spielzeit beschließen, mit einer spannenden Frage nach politischer Eigenverantwortung in gesellschaftlichen Umbruchszeiten.)
Und gleichzeitig rief dieser Bertolt Brecht seinem Publikum aber auch zu: „Glotzt nicht so romantisch!“
Wie viel Drama verträgt also das Drama?
In der kommenden Spielzeit geht es um Feindschaft. Tod. Orientierungslosigkeit, Suizid. Um Kulturkampf, um Armut, Ehefrust. Um Krieg, um Polykrisen. Um Missbrauch, Revolution.
UND es geht um Liebe. Um Träume, Glück, ums Lachen und Humor. Zuversicht. Um Solidarität, Gemeinschaft, um Selbstbestimmung, um Verantwortungsbewusstsein. Zusammenhalt.
Und zwar immer um das eine wie das andere.
Es gibt Lachen nicht ohne Weinen – selbst wenn unser musikalischer Abend, der im Dezember herauskommt, schlicht „HAHA“ heißt, inszeniert von Katharina Birch.
Und es gibt im Gegenzug den Krieg bei uns nicht ohne Absurdität – wenn wir im März Jakob Noltes „Der Krieg ist vorbei“ uraufführen, in der Regie von Anita Vulesica.
Es gibt Verunsicherung nicht ohne Schönheit – wie in Dorothee Elmigers Erzählung „Die Holländerinnen“, mit der sich Regisseurin Claudia Bossard in Hannover vorstellt.
Es gibt das apokalyptische Taumeln nicht ohne radikale Hoffnung – wie bei Falk Richter, der für uns ein neues Stück mit Titel „The Early Light of Spring“ schreibt und inszeniert.
Es gibt den „Ring des Nibelungen“ nicht ohne Perspektivverschiebungen auf marginalisierte Stimmen, wie bei Necati Öziri, inszeniert von Murat Dikenci.
Es gibt die Manie und die Depression nicht ohne die Suche nach dem Glück – wie in Thomas Melles Roman „Haus zu Sonne“, den wir im Oktober uraufführen, inszeniert von Adrian Figueroa.
Es gibt das Abenteuer der Jugend und Kindheit nicht ohne Gefahr und toxische Familienverhältnisse, ob bei der „Roten Zora“ – oder bei Shakespeare heute Abend ...
Wir lassen die Welt und den Schmerz, die Wut, die Verzweiflung und auch die Unterschiede nicht außen vor.
Kein Safe Space als Wattebausch, der alles abpuffert oder nivelliert. –
Dass unser Leben, unser Zusammenleben, so sein könnte, ist eine Illusion, die selbst für das Theater zu unglaubwürdig ist.
Wir wollen nicht jede Irritation von uns fernhalten.
Leben ist auch Risiko.
Kunst ist gelebtes Risiko.
Deshalb sage ich, wiederum auch an meine, an unsere eigene Theateradresse:
Wir brauchen Konfliktfähigkeit.
Denn wir müssen uns den Konflikten stellen, die nicht nur in uns selbst schlummern, sondern die vor allem um uns heraufziehen.
Das Theater ist ein öffentlicher Raum.
Und ich wünsche mir diesen öffentlichen Raum so, dass ihn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Überzeugungen und Identitäten teilen – und lernen, in diesem selben Raum mit all den Konflikten, Herausforderungen und Widersprüchen zu existieren.
Saba-Nur Cheema und Meron Mendel schreiben in ihrem neuen Buch „Die Empörungsfalle. Wie wir wieder streiten lernen“:
„Wo der öffentliche Raum immer weiter [in Räume nach Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Hautfarbe] parzelliert wird, verschwindet der Konflikt nur scheinbar. Was tatsächlich verloren geht, ist die Möglichkeit, ihn gemeinsam auszutragen. Am Ende bleibt eine Gesellschaft, die sich immer stärker in Vermeidung zurückzieht, immer mehr Schutzräume baut und dabei die Fähigkeit verliert, im Dissens miteinander zu leben.“
Mir gibt diese Meinung zu denken.
Weil wir auch in diesem Theater – und mit diesem Theater – partiell Räume für bestimmte Einzel- oder Zielgruppen öffnen und sichern.
Aber ich bin auch stolz, dass wir mit den „Universen“ versuchen, die Räume für marginalisierte Stimmen universell zu öffnen. Und dass es uns mit unserer letztjährigen Eröffnungsinszenierung „PRIDE“ gelungen ist, viele Menschen über die Community hinaus zu erreichen und die Mehrheitsgesellschaft für Lebensrealitäten von queeren Menschen zu sensibilisieren – und beide Gruppen in Austausch miteinander zu bringen!
Wir Menschen, schreibt Carolin Emcke in ihrem neuen Buch (das sie übrigens hier im Schauspielhaus am 3. Oktober vorstellen wird), wir Menschen „teilen eine Gemeinsamkeit: Wir sind verwundbare Wesen“.
… „verwundbare Wesen“.
Egal, was wir einander antun oder wie wir einander anerkennen, wir sind miteinander verbunden in „wechselseitiger Verletzbarkeit“.
Das Theater macht uns hierfür sensibel.
Und das im besten Fall nicht besserwisserisch, belehrend, dröge.
Sondern vital, stimulierend, inspirierend.
Rund 20 Premieren erwarten Sie in dieser Spielzeit im Schauspiel Hannover.
In vier Spielstätten und auch quer durch die Stadt.
Und nicht zu vergessen die vielen Wiederaufnahmen von unseren Lieblingsproduktionen der ersten Saison.
Und viel Diskurs, Begegnung, Dialog in den „Universen“, in der „Chronik der laufenden Entgleisungen“ und in all den Mitmachformaten, Clubs, Probenbeiräten, Draufsichtsräten, in Einführungen und Publikumsgesprächen ...
Alles das ist unser Theater.
Und alles das wird von Hunderten engagierten Menschen erdacht, vorbereitet, organisiert und umgesetzt.
Euch allen sage ich: Ich bin stolz auf dieses Niedersächsische Staatstheater Hannover – vielen Dank euch!
Und was nun?
Mit offenen Augen und Ohren durch die Welt.
Und mit offenen Armen!
Und Herzen.
Der Traum ist aus.
Aber:
Ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.
Liebe will riskiert werden.
L‘amore va rischiato.
So lange ich hier stehe im Namen des Schauspiel Hannover.
Dare to love?
Yes, we dare!
Oder wie es die berühmte tennesseeische Theaterwissenschaftlerin Dolly Parton einst formulierte:
„If you want the rainbow, you have to put up with the rain.“
„We can’t just hope for a brighter day, we have to work for a brighter day.“
Herzlich willkommen in der Spielzeit 26/27!
Vasco Boenisch, 11.9.2026