Constanza Aguirre

 

 

Als sie sich in den metallicblauen Overall zwängte, wollte ihr eine jener Halbwahrheiten nicht einfallen, die so unschuldig daherkommen und es dann doch in sich haben, wie zum Beispiel, dass man Linsen mit Reis kombinieren soll, wegen des Eisengehalts, dass aber Bier mit Wassermelone zu mischen den sicheren Tod bedeutet, dass Sellerie das einzige Gemüse ist, das beim Kauen mehr Kalorien verbrennt als man aufnimmt, dass für jedes ausgerissene graue Haar hundert neue nachwachsen oder dass man auf Quallenstiche pinkeln muss; all dieses Wissen eben, das sich wie harmloser Staub beharrlich auf unserem Hirn absetzt, ohne dass wir aber einer bedrohlichen Klarheit schutzlos ausgeliefert wären; jener Klarheit einer blankgeputzten Fensterscheibe, die uns gegen unseren Willen auf die unbarmherzige, totlangweilige Realität prallen lässt.

 

Fröhlich schwenkte sie die Tentakel.

 

Während sie also mit dem metallicblauen Lycraoverall kämpfte, kramte sie danach in ihrem Gedächtnis, irgendein neunmalkluger Mitschüler hatte ihr einmal davon erzählt, oder ein Schwimmlehrer. Aber alles Erinnern war wie blockiert in den Tiefen des schmierigen Stoffs, er klebte an ihrem Körper, als sollte sie luftdicht verpackt werden. Der Geruch ihrer vielen Vorgänger hatte sich in jeder synthetischen Faser festgesetzt, benebelt kam sie zu dem Schluss, das müsse, ohne jeden Zweifel, das Schlimmste an Popi sein. Zwischen Würgen und Krämpfen dachte sie, das Ding einmal im Monat in die Wäscherei zu geben, dürfte nicht so teuer sein, naja, ihre Mutter sagte immer, manche Leute seien einfach elendig geizig. Was ihr Gedächtnis so eifrig suchte, hatte mit dem Oktopus zu tun, aber da war nichts zu machen, nachdem sie in den stinkenden Overall gestiegen war, wurde ihre ganze Aufmerksamkeit schon von der Aussicht beansprucht, sich irgendwie in Popis massigen Schaumstoffkörper einfügen zu müssen. Dann mussten die sieben Tentakel drapiert und eine legendäre Amputation kaschiert werden, vorgenommen hatte sie dem Hörensagen nach ein Gast, der Alkohol und Meerestieren gleichermaßen zugetan war; mit dem Tentakel in der Hand soll er bereut haben, dem Weichtier zu nahe gekommen zu sein und als Entschuldigung eine entfernte Verwandtschaft mit Jacques Cousteau angeführt haben. Als nächstes musste sie sich die weißen Handschuhe überstreifen und die Flyer holen, dann durfte sie sich draußen in der Sonne grillen lassen. Grillen und Grille, fast ein Wort, dachte sie, die armen Grillen, singen vor lauter Hitze immer lauter, bis sie platzen. Trotz der gepolsterten Handschuhe bekam sie die Toilettentür auf und trat hinaus, in voller Größe. Wie sollte sie sich bloß bewegen, ohne dass man ihr die Schwierigkeiten ansah, gar nicht leicht, sie hatte diese Rolle ja noch nie gespielt. Dabei war es ihrer Leistung nicht gerade zuträglich, dass sich ihre Augen auf der Höhe von Popis Mund befanden, es gab also noch ziemlich viel Popi in Sphären, die ihr kaum bewusst waren; Popi zu spielen wurde so ein beinahe tollkühner Akt.

 

Das Restaurant war noch leer, aber in der Küche wurde bereits hantiert. In den Töpfen blubberte das Wasser, nach und nach nahm es Popis Verwandte, Freunde und Bekannte in Empfang. So gut sie konnte, bahnte sie sich einen Weg durch den Speiseraum. Ihre Chefin holte aus allem heraus, was sie konnte, ihr Motto war die gute alte Regel, dass man Essen, das weniger als fünf Sekunden auf dem Boden gelegen hatte, problemlos zurück auf den Teller bugsieren konnte, auch den Raum hatte sie so mit Tischen vollgestopft, dass man das Gefühl hatte, eine farblose Version von Tetris zu durchlaufen. Sie hatte kein Gefühl dafür, wie groß sie war und räumte mit einem der sieben Tentakel ein Tablett mit Olivenölfläschchen, Salz- und Pfefferstreuern ab, mit ziemlichem Gepolter. Daraufhin erschien María de los Ángeles wie aus dem Nichts, sie hatte einen Packen Rechnungen im Mund, einen Taschenrechner in der Hand und machte ein dummes Gesicht. Sie spuckte die Zettel aus, um bequemer brüllen zu können.

– Was ist hier los?!

– Verzeihung, man sieht damit nicht gut.

– Sag bloß, Du trägst zum ersten Mal ein Kostüm? Ist das nicht das Einzige, was ihr Schauspieler könnt? – bellte María de los Ángeles und versuchte dabei, den Schaden abzuschätzen.

– Verzeihung, ich mach es gleich weg – antwortete sie und unternahm einen Versuch, sich hinzuknien und die ölverschmierten Scherben aufzulesen.

– Was machst du da? Vorsicht! Bist du blöd? Du machst das Kostüm schmutzig! Raus mit dir, verteil lieber den Kram.

– Ich muss mich erst daran gewöhnen …

Sie kam nicht dazu, ihre Gründe anzuführen, denn María de los Angeles war abgerauscht, versetzte der Schwingtür, die Speiseraum und Küche trennte, noch einen ordentlichen Stoß und verschwand dann im Dunst. Eine Welle von Geschäftigkeit wogte in den Raum, kam und ging in immer größeren Abständen, bis über allem wieder eine beklemmende Stille lag. Innerlich zitterte sie, zwischen Brust und Kehle setzte es sich fest, löschte etwas aus, das sonst leuchtete, wie schon so vieles, von dem sie fürchtete, es würde sich vielleicht nie wieder entzünden. Sie dachte an ihre Mutter, die immer sagte, das mit der Schauspielerei sei doch Wahnsinn, warum sie so elendig weit weg müsse, was denn schlecht sei am Volkshochschultheater, die sagten ihre Texte doch wunderbar auf, manchmal seien sie sogar witzig. Ihr Blick fiel auf ihren Popi-Putz und ein Schwall Spucke blieb ihr im Halse stecken. Sie schüttelte ihren Schmerz ab, wobei Popis Matrosenhut auf dem Boden landete. Sie bemerkte es nicht, versuchte stattdessen, das Positive an der Sache zu sehen: Sie hatte sich ihre Karriere zwar anders vorgestellt, aber immerhin konnte sie „Bühnenerfahrung“ sammeln, wie man unter Profis sagte, außerdem gab sie weniger Geld für Essen aus und konnte exotische Gerichte probieren, galizische Spezialitäten waren das für sie, und nebenbei bekam sie einen Vorgeschmack auf die Hauptrollen, denn auf tausenden von Werbezetteln stand „Im Wirtshaus La Mar de Sabroso dreht sich alles um den Oktopus“.

 

Zwei Stunden später war das Restaurant brechend voll und María de los Ángeles holte sie herein, sie sollte „den Laden aufmischen“. Improvisation war noch nie ihre Stärke gewesen, und ohne Text zwischen im Akkord futternden Leuten den lustigen Oktopus zu spielen, war wirklich schwer. Sie trat ein, mit dem typischen Premierenlampenfieber, das auf den Darm schlägt. Im Restaurant war die Hölle los. Es war außergewöhnlich laut, kreischende Kinder flitzten zwischen Tischen herum und schwitzende Kellner wichen ihnen aus, alles unter María de los Ángeles’ unerbittlichem Blick. Eine große Gruppe machte ziemlich viel Radau, die alte Dame am Kopfende des Tisches trug eine Pappkrone. Ihre Albariño-triefenden Tischnachbarn stopften Oktopus und Lacón in sich hinein, sogar eine ganze Meeresfrüchteplatte, zur übergroßen Freude des Chefinnengeldbeutels. Die alte Dame saß ganz still; einen Moment lang glaubte sie, eine Tote vor sich zu haben, oder gar eine Mumie. Sie wollte nachsehen, versuchte, sich einen Weg zu bahnen und blieb bei einer Familie hängen, die aus Vater, Mutter, einem Sechsjährigen und einer Sechzehnjährigen bestand, allesamt in eine hitzige Diskussion verwickelt. Die Eltern drängten das Mädchen, zu essen, „drei Scheibchen Lacón werden dich nicht umbringen“. Das Mädchen hatte die Arme verschränkt, sah demonstrativ in die andere Richtung und kaute wütend auf ihrem Unterlippenpiercing herum. In einem Versuch, die Wogen zu glätten, warf sie alles über den Haufen, was sie in der Schauspielschule mit der verdammten „Methode“ gelernt hatte und streckte dem Jüngsten ihre Schaumstoffhand entgegen.

– Hau ab, du Mistvieh! – stieß ihr der Junge mit Piepsstimme entgegen.

– Nicht so ungezogen, Víctor Manuel – wies ihn die Mutter zurecht.

– Ist der hässlich – lachte der Vater los, und der Sohn stimmte schnell ein.

– Ihr seid Idioten. Am besten wärt ihr tot – urteilte das Mädchen.

– María Eugenia, sei nicht so ungezogen und iss. Was soll denn der Unsinn mit dem Essen.

– Das sind Tiere, Mama. Wie wir. Sie leiden, sogar sehr – sagte sie und wischte sich wütend eine Träne von der Wange.

Ihre Brust wurde wieder eng, die Schwärze wollte weiter um sich greifen; um ihr nicht zu erliegen, widmete sie ihnen ein kleines Tänzchen und schwenkte fröhlich die Tentakel.

– Sieh mal, Víctor, dem fehlt ein Pimmel! – der Vater hatte Popis Tentakellücke entdeckt.

Unter dem bösen Gelächter von Vater und Sohn schrie María de los Ángeles aus der Küche nach ihr; sie ging, ihr Publikum hatte ohnehin genug. Auf dem Weg wurde sie von einer Stimme zurückgehalten.

– Entschuldige, ich glaube, der gehört dir.

Der Groschen fiel nicht gleich. Sein Gesicht kam ihr bekannt vor, aber sie verstand erst, als er zu seinem Tisch zurückging, fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen, was in ihrer geliehenen Körperlichkeit viel heißen wollte. Almodóvar höchstpersönlich hatte Popis Matrosenhut gefunden und ihr soeben auf ihr weiches Haupt gesetzt. Ihr Leben breitete sich vor ihr aus, sie konnte das Licht oder die Umrisse des Maskottchens oder der toten Oma am anderen Ende des Tunnels erahnen. Endlich erfuhr sie am eigenen Leib, beziehungsweise am eigenen Schaumstoff, was ihren Vorsprechen vor dem Spiegel fehlte: das Unvorstellbare. Das, was Al Pacino passiert sein soll, als er noch ein Niemand war, ein sehr berühmter Regisseur hatte ihn fegen oder Sonnenblumenkerne essen sehen und sofort gewusst, der muss in meinem Film mitspielen. Sie erin­nerte sich vage an eine ähnliche Geschichte mit Jennifer López und ihrem Hintern. Sah das ungläubige Lächeln ihre Mutter vor sich, die ihr absurdes Exil im Nachhinein guthieß. Da wurde sie von einem Stück Brot getroffen: Der kleine Satansbraten war auf die Idee gekommen, Popi kreischend zu füttern, „damit der Pimmel wieder wächst“. Sie beachtete das Geschoss nicht, fassungslos ob der Anwesenheit des Cineasten in La Mar de Sabroso wusste sie, dass sie ihn ansprechen musste. Eines der Tentakel hinderte sie daran, es hatte sich in einem Kinderstuhl verhakt. Sie versuchte, loszukommen, während María de los Ángeles völlig außer sich geriet und ihre sofortige Anwesenheit forderte. Taub vor Aufregung zog sie mit aller Kraft an ihrem gefangenen Glied, Kinderstuhl und Kleinkind fielen krachend zu Boden. Die von Panik ergriffene María de los Ángeles eilte zum Ort des Geschehens, während Pedro Almodóvar zwei Scheine auf den Tisch legte und mit der klaren Absicht, zu gehen, die Tür ansteuerte. Dem Kind ging es anscheinend gut, es weinte recht schön, ein untrügliches Zeichen, dass es noch unter den Lebenden weilte. Sie musste zu Pedro, bevor ihre einzige Chance dahin war. Das verhedderte Tentakel wollte nicht nachgeben, also sah sie sich gezwungen, gegen alle Regeln ihrer Zunft zu verstoßen, zerrte mit den Füßen den lästigen Handschuh herunter und bewaffnete sich mit einem Messer, dass ein eintopflöffelnder Gast liegen gelassen hatte. Ein Kellner stürmte mit einer riesigen Tarta de Santiago herein, auf der fröhlich eine Neun und eine Null vor sich hinbrannten, dann brachte ein auf wundersame Weise angestimmtes „Happy Birthday“ wieder Leben in die alte Dame/ Mumie. Blindwütig zerrte María de los Ángeles an Popi, mit solcher Kraft, dass das Messer schließlich Oberhand über das Tentakel gewann und sich dank des berühmten Trägheitsgesetzes zielsicher zwischen die Rippen ihrer Chefin grub. Ohne das Blut zu bemerken, rannte sie auf die Straße, endlich frei, und hinterließ auf den Tischen ein heilloses Durcheinander, Gläser, Teller, Grelos und Zamburiñas fielen reihenweise herunter. Die jaulende María de los Ángeles zählte die Sekunden. Jemand rief einen Krankenwagen.

– Pedro! Warten Sie doch!

 

Herrn Almodóvar bot sich ein recht verstörendes Bild: Ein verstümmelter, blutverschmierter Schaumstoffoktopus raste wie ein Besessener auf ihn zu. Er floh, blind vor Angst, so blind, dass er den Lastwagen nicht kommen sah. Ihr fiel ein, dass eine Mutter angeblich ein Auto mit einer Hand anheben kann, wenn ihr Kind in Gefahr ist. Sie dachte an ihre Mutter, die so elendig weit weg war, und Dunkelheit kroch in jeden Winkel ihrer getarnten Menschlichkeit, breitete sich immer weiter aus, während ihr einfiel, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns benutzen, dass Obst zum Nachtisch dickmacht und Walt Disney eingefroren wurde; als ihr aber endlich einfiel, dass das intelligenteste aller Weichtiere der Oktopus ist, kamen ihr die Tränen.

 

Aus dem chilenischen Spanisch von Franziska Muche

 

Constanza Aguirre, geboren in Santiago de Chile, ist Autorin und Schauspielerin. Sie lebt und arbeitet in Barcelona.

 

... zurück zur Inhaltsübersicht