Emotionale Nuancen

Drei Choreografen mit unterschiedlichen Schwerpunkten aus drei Generationen: Der neue Ballettabend des Staatsballett Hannover 3 Generationen bringt Stücke von Hans van Manen, Marco Goecke und Emrecan Tanış auf die Bühne. Zur Vorbereitung auf die Premiere ist Ballettmeister Ken Ossola zu Gast in Hannover. Im Interview spricht er über den Prozess der Einstudierung von van Manens Werk Concertante und die Besonderheiten der Choreografie.

 

Wie kam es, dass du Concertante von Hans van Manen hier in Hannover einstudierst?


Ken Ossola: Vor ungefähr zwei Jahren wurde ich kurzfristig gefragt, ob ich die choreografische Einstudierung für ein Stück von Hans für das Het Nationale Ballett Amsterdam übernehmen kann.

Das war das erste Mal, dass ich ein Stück vom Anfang bis zum Schluss für ihn erarbeitet habe. Hans war zufrieden mit dem Ergebnis und sah die Möglichkeit, dass ich nach Hannover komme und Concertante mit dem Staatsballett Hannover einstudiere.

 

Wie erlebst du die Proben mit der Compagnie?


Wir arbeiten hart und auch schnell, da ich nur für zwei Wochen hier bin. Es ist also die letzte Woche, in der ich den Tänzer*innen die Schritte, aber auch alles, was über die Schritte hinausgeht, beibringen muss: die dazugehörigen Emotionen und den persönlichen Ausdruck, der nach außen getragen wird.

Aber ich bin sehr zufrieden mit der Gruppe und gespannt, das Ergebnis unserer Arbeit zu sehen.

 

Die Compagnie hat sich unter Marco Goecke komplett neu formatiert.  Merkst du das bei den Proben?


Nein, eigentlich nicht. Ich weiß nicht, ob ich richtig damit liege, aber ich glaube, dass die Tänzer*innen viel als Gruppe gemeinsam gearbeitet haben. Insgesamt arbeite ich mit 16 Tänzer*innen - acht in der ersten und acht in der zweiten Besetzung. Ich habe das Gefühl, dass jede*r langsam seinen*ihren Platz findet und eine ganz neue Energie entsteht.

 

 

Was ist die Herausforderung bei der Arbeit als Choreografischer Assistent?


Es ist natürlich ein Unterschied, ob du deine eigene Choreografie erarbeitest oder die eines anderen Choreografen. Während der Proben durchlaufen die Tänzer*innen verschiedene Stufen, bis sie sich in der Choreografie frei fühlen können. Zuerst einmal müssen sie natürlich die Schritte, den Stil und den Ansatz verstehen, mit dem das Stück umgesetzt werden soll und den sich der Choreograf vorstellt. Dafür gibt es kein universales Rezept und die Herausforderung ist es, herauszufinden, was jede individuelle Person braucht, um in ein Stück wie Concertante hineinzuwachsen und wie man sie dabei unterstützen kann, sich im Stück ihr eigenes Universum zu kreieren. Gleichzeitig muss ich aber auf den vom Choreografen vorgegebenen Stil und die Schritte achten.


Wenn es deine eigene Choreografie ist, ist es kein Problem Schritte zu verändern, wenn du siehst, dass etwas nicht funktioniert, und sie an die Person anzupassen, die vor dir steht. Wenn du ein Stück von einem anderen Choreografen erarbeitest, müssen die Tänzer*innen die Schritte verstehen und sich die Bewegungsqualität aneignen, die vielleicht nicht vollends ihrer eigenen entspricht. Aber genau das ist auch das Besondere und Wichtige für die Tänzer*innen; dass sie sich in diesem Stück finden.

 

Habt ihr diesen Punkt bei den Proben schon erreicht?


Momentan sind alle noch damit beschäftigt, die Choreografie zu lernen. Das passiert stufenweise, manche sind schneller als andere. Einige haben auch schon mal ein Stück von Hans van Manen getanzt und sind daher schon mit seinem Stil vertraut.

 

Worum geht es in Concertante?


Concertante
ist ein sehr musikalisches und sehr dynamisches Stück. Es wurde 1994 für das NDT2, die Junior Compagnie des Nederlands Dans Theater, in Den Haag kreiert.

Im Stück gibt es zwei Duette. Wenn man zwei Personen gegenüberstellt, entsteht automatisch Spannung zwischen ihnen. Hans van Manen interessiert diese Spannung: emotionale Nuancen, wie z.B. zwischen Zuneigung und Aggression.

 

Hans van Manen kreiert die Schritte für seine Choreografien während des Probenprozesses. Hast du diese Freiheit auch?


Nein, die Schritte sind vorgegeben. Aber ich muss einen Weg finden, dass sie an den Tänzer*innen stimmig und richtig aussehen, auch wenn diese es manchmal nicht für möglich halten, dass sie das können. Ich habe selbst für mehrere Jahre bei Hans getanzt und kann mich somit in ihre Position hineinversetzen.

Wenn Hans kommt, um mit der Compagnie an dem Stück zu feilen, soll er die Freiheit haben, alles mit dem Stück zu tun, was ihm vorschwebt. Dafür schaffe ich die Grundlage.

 

 

Van Manens Assistentin Mea Venema hat in einem Interview gesagt, dass das Stück zwar das gleiche bleibt, aber je nach Compagnie mit einem leicht veränderten „Geschmack“ aufgeführt wird. Was ist der Geschmack dieser Produktion?


Die Tänzer*innen mit denen ich arbeite, haben keine Angst davor, sie selbst zu sein. Sie sind sehr kommunikativ, sehr direkt, sie haben viel Energie und ruhen gleichzeitig in sich, was sehr wichtig ist für Hans' Stück.

Wenn unterschiedliche Tänzer*innen die gleichen Schritte tanzen, sieht es vielleicht gleich aus, aber das Gefühl, das sie dabei empfinden und ausstrahlen, ist ein anderes. Auch das Verständnis darüber, wie man sich die Schritte aneignet, ist unterschiedlich. Jede*r muss sein*ihr eigenes emotionales und auch körperliches Universum erforschen, um daraus etwas Besonderes zu machen. Daher kommt dann am Ende dieser unterschiedliche „Geschmack“.

 

Worauf kann sich das Publikum freuen?


Das Publikum kann sich auf ein sehr lebhaftes und dynamisches Stück freuen, in dem es sich in den dargestellten emotionalen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen selbst wiederfinden kann.

 


Ken Ossola, gebürtiger Schweizer, absolvierte seine Ausbildung an der École de Danse de Genève und erhielt sein erstes Arrangement am Ballet Junior de Genève.

1989 wurde er unter der künstlerischen Leitung von Jiri Kylian eingeladen, der Junior Compagnie des Nederlands Dans Theatre 2 (NDT 2) und drei Jahre später des NDT 1 beizutreten, wo er die Möglichkeit bekam, sich als Künstler weiterzuentwickeln und mit international erfolgreichen Choreografen wie Hans Van Manen, Ohad Naharin, William Forsythe, Martin Müller, Paul Lightfoot, Nacho Duato, Johan Inger und Jiri Kylian zusammenarbeitete.

Er begann seine ersten eigenen Choreografien zu kreieren und verließ 1999 das NDT, um seine Karriere als unabhängiger Choreograf zu beginnen. Ken Ossola schuf eine Reihe von Werken, die auf der ganzen Welt aufgeführt wurden. Für den dreiteiligen Ballettabend Drei Generationen, der Premiere am 22. Februar feiert, übernimmt Ossola die choreografische Einstudierung für Hans van Manen in dessen Ballett Concertante.

 

3 Generationen

Ballettabend von Hans van Manen, Marco Goecke und Emrecan Tanış
Premiere am 22.02.2020