Grußwort

LIEBES PUBLIKUM!

 

Wir sind aus dem Sommer zurück – und freuen uns, dass das Theater nun ganz bald wieder losgeht! Bei einem fulminanten Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen haben bereits Mitte des Monats 64 Expert:innen mit dem Publikum in 144 Gesprächen zum Themenkomplex „Armut“ im Schauspielhaus auf der großen Bühne gesprochen, ein Thema, welches uns die Spielzeit über immer wieder beschäftigen wird. Der Einfluss der Pandemie ist, in wirtschaftlicher, kultureller oder psychologischer Hinsicht, ja durchaus zu spüren, Ungerechtigkeiten haben zugenommen, die Reichen sind reicher, die Armen ärmer geworden. Wir möchten in dieser Spielzeit auch deshalb soziale, politische und familiäre Verwerfungen in den Fokus nehmen, wollen in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen und Geschichten von Ungleichheit, Widerstand und Solidarität entdecken.

 

In Thomas Köcks Klimatrilogie werden diese Themen auch in Hinsicht auf den Klimawandel in drei Teilen von der Regisseurin Marie Bues phantastisch und körperlich, sprachgewaltig und voller subversiver Energie inszeniert. Das Klima, die Ursachen und die Historie seines Wandels, der Anteil des Menschen daran, kommen zur Sprache und reizen zur Auseinandersetzung über Verantwortung und neues Handeln.

 

Es ist bei uns allen die Sehnsucht nach einem gemeinsamen sinnlichen Erleben groß, nach direktem Kontakt und dem befreienden Moment des Schauspielens: Eröffnet wird die Spielzeit mit Der eingebildete Kranke, einer Komödie, in der die Bedeutung des Körpers, seiner Gesundheit und Perfektionierung im Zentrum steht. Molière erlaubt uns – unkorrekt, anarchisch und lustvoll – über eine Gesellschaft zu lachen, deren Götzen das Geld und die Angst sind. Lachen über die geltende Ordnung, das Patriachat mit seinen überholten und doch machtvollen Dogmen, Lachen als Ausdruck für Freiheit und Grenzenlosigkeit. Das preisgekrönte Regie-Team befindet sich mit dem spielfreudigen Ensemble gerade in der heißen Endprobenphase …

 

Ebenso steht eine Premiere im Ballhof an, die sich gleichermaßen an junges Publikum und ältere Generationen wendet: Angela Lehners mehrfach ausgezeichnetes Buch Vater unser erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ins Straucheln kommen, deren Gefühle und Gedanken in Schlangenlinien verlaufen und die man trotz und wegen ihrer Radikalität und Verlorenheit ins Herz schließt.

 

Im September und Oktober werden wir mit ganz unterschiedlichen Inszenierungen und Formaten dann weiter an lustvollen Verbindungen von Unterhaltung und Ernst arbeiten, im Zentrum die Begegnung ganz unterschiedlicher Menschen, im Kern die Begegnung mit Ihnen, liebes Publikum. Denn wir können uns nur gemeinsam und mit Ihnen öffnen, spüren, entwickeln. Und können die Welt so in Freude und Schmerz gemeinsam erfahren und ein Stück weit verwandeln. Wir möchten – jetzt erst recht – Gastgeber:in sein für alle Menschen der Stadt und freuen uns auch ganz besonders über unseren neuen Kurator der Universen, Murat Dikenci, der in Kooperation mit unterschiedlichen Communities ein vielfältiges Programm entworfen hat. Es beginnt am 2. Oktober mit Neue Doyce Einheit und Idil Baydar als Special Guest und setzt sich in der Cumberlandschen Galerie und Bühne dann beständig fort.

 

Es ist an der Zeit, in einen fairen und konstruktiven Dialog zu treten, differenziert zu sprechen und gerne auch mal miteinander zu streiten. Nichts ist gerade jetzt so falsch wie Spaltung oder Beharren auf Positionen. Das betrifft nicht nur die Politik, sondern die ganze Gesellschaft. Insbesondere die Kunst ist Expertin darin, andere Perspektiven aufzuspüren, Brücken zu schlagen und Freiräume des Denkens zu schaffen. Wir laden Sie ein, mit uns darüber zu fantasieren, was Kultur bedeuten kann, wodurch sich eine offene Gesellschaft auszeichnet und wie wir leben wollen.

 

Ihre Sonja Anders