Grußwort

LIEBES PUBLIKUM!

Wir haben Sie vermisst! Und uns gefragt, was das Theater, wenn es endlich wieder öffnet, erzählen muss, welche Themen Sie und uns umtreiben und wie wir uns wohl begegnen werden.

 

Es ist deutlicher denn je, dass die Sehnsucht der Menschen nach einander einem existenziellen Bedürfnis entspringt. Wir brauchen ein Gegenüber, oder besser mehrere, die uns begegnen und inspirieren! Dabei sind es nicht nur Worte, sondern vielmehr Körper, Stimmen, Blicke, welche sich durch kaum bewusste Signale antworten und alles verändern. Hartmut Rosa beschreibt in seinem Buch Resonanz, wie die Beziehung des Menschen zu seiner Welt durch einen Modus der Resonanz gestärkt werden kann. Insbesondere in Begegnung mit Kunst, Natur, dem sozialen Raum können Kraft und Kreativität für solidarisches Handeln entstehen – und Entfremdung, Beschleunigung, Abgrenzung entgegnet werden. Das Theater ist ein prädestinierter Ort für diese Form der Begegnung. Wir können uns nur mit Ihnen, liebes Publikum, öffnen, spüren, entwickeln. Und können die Welt so in Freude und Schmerz gemeinsam erfahren und ein Stück weit verwandeln.

 

Noch ist nicht abzusehen, in welchem Ausmaß unser Leben auch weiterhin unter dem Einfluss der Pandemie stehen wird, und auch die wirtschaftlichen, kulturellen oder psychologischen Folgen sind nicht zu überblicken. Fest steht aber, dass die Ungleichheit weltweit zugenommen hat, die Reichen reicher, die Armen ärmer geworden sind. Wir möchten in dieser Spielzeit soziale, politische und familiäre Verwerfungen in den Fokus nehmen, wollen in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen und Geschichten von Ungleichheit, Widerstand und Solidarität entdecken.

 

Eine solche Geschichte, ganz im Heute verortet, schildert Olivia Wenzel in ihrem Debütroman 1000 Serpentinen Angst, in dem eine junge Frau in Anbetracht der Rassismen und Sexismen, die ihr begegnen, die eigene Verletzlichkeit und Stärke entdeckt. In Annette, ein Heldinnenepos wiederum wird das Thema Widerstand gleich als Grundsatz eines ganzen Lebens gesetzt. Poetisch, kraftvoll und mit feinem Humor erzählt Anne Webers mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnetes Werk das Leben der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir und weckt unwillkürlich die Frage nach dem eigenen Handeln.

 

Noch vor der ersten Premiere ist eine Folge des Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen bei uns zu Gast. In Kooperation mit der Stiftung Niedersachsen werden 180 Gespräche zwischen Expert:innen und Publikum auf der Bühne des Schauspielhauses zu einem Themenkomplex stattfinden, der uns die Spielzeit über immer wieder beschäftigt: HAB UND GUT – das Eigentum, die Armut und eine ganze Welt, die wir teilen.

 

Eröffnet wird die Spielzeit mit Der eingebildete Kranke, einer Komödie, in der die Bedeutung des Körpers, seiner Gesundheit und Perfektionierung im Zentrum steht. Molière erlaubt uns – unkorrekt, anarchisch und lustvoll – über eine Gesellschaft zu lachen, deren Götzen das Geld und die Angst sind. Lachen über die geltende Ordnung, das Patriachat mit seinen überholten und doch machtvollen Dogmen, Lachen als Ausdruck für Freiheit und Grenzenlosigkeit.

 

Die Frage, wie gutes Leben in Gemeinsamkeit gelingt, in Anbetracht von Umständen, die Angst machen, stellt sich in Das Vermächtnis. Der amerikanische Autor Matthew Lopez hat ein Tableau schwuler Lebensgeschichten in großer Selbstverständlichkeit zu einem Epos über Liebe, Tod und den Sinn des Lebens verknüpft. Als eines von vielen Stücken für junges Publikum zeigen wir Every heart is build around a memory von Markolf Naujoks im Ballhof Eins. Die Lebens- und Sehnsuchtsorte, die seine Figuren aufsuchen, befinden sich im Digitalen, in einem Kosmos, der die Generationen trennt und doch zunehmend an Einfluss gewinnt.

 

Digitale Welten haben über die letzten Monate im Theater an Bedeutung gewonnen, und fordern es ästhetisch und inhaltlich heraus. Unsere digitale Bühne wird weiterhin ganz unterschiedliche Formate zeigen und rund um die Uhr und den Globus für alle erreichbar sein. Die Universen in der Cumberlandschen Galerie und Bühne gehen mit einer unkonventionellen Mischung aus Workshops, Konzerten und partizipativen Formaten bereits ins dritte Jahr. Wir möchten – jetzt erst recht – Gastgeber:in sein für alle Menschen der Stadt und freuen uns auf unseren neuen Kurator Murat Dikenci, der in Kooperation mit unterschiedlichen Communities ein vielfältiges Programm entworfen hat!

 

Es ist an der Zeit, in einen fairen und konstruktiven Dialog zu treten, differenziert zu sprechen und gerne auch mal miteinander zu streiten. Nichts ist gerade jetzt so falsch wie Spaltung oder Beharren auf Positionen. Die Kunst kann andere Perspektiven aufspüren, Brücken schlagen und Freiräume des Denkens schaffen. Wir laden Sie ein, mit uns darüber zu fantasieren, was Kultur bedeuten kann, wodurch sich eine offene Gesellschaft auszeichnet und wie wir leben wollen.

 

Ihre Sonja Anders und Team!