Die Geige macht, was sie will

Die Solistin Carolin Widmann hat die großen klassischen Konzerte mit den weltweit führenden Orchestern gespielt und eigens für sie geschriebene Werke uraufgeführt. Im 4. Sinfoniekonzert: Aeriality ist sie Ende Januar in Hannover zu Gast, auf dem Programm steht für Benjamin Brittens Violinkonzert. Im Interview mit Konzertdramaturgin Birgit Spörl spricht sie über ihren Lieblingsmoment im Konzert (und in der gesamten Musikgeschichte) und darüber, warum Brittens Werk eigentlich als unspielbar gilt.

 

Sie haben einmal gesagt, dass Sie für das Herangehen an ein Musikwerk am liebsten bei Null anfangen und sich nicht zu viel mit dem Drumherum beschäftigen, um den Kern des musikalischen Materials herausspüren zu können. Ist ein Interview vorab dann vertretbar?

 

Carolin Widmann: Wenn ich ein Stück neu lerne oder nochmals nach langer Zeit spiele, versuche ich den Arbeitsprozess tatsächlich mit einer leeren Leinwand und bei Null zu beginnen. So als wüsste ich nichts, so, als hätte ich noch nie Musik gehört oder gespielt. Aber das schließt natürlich nicht aus, dass ich im Vorfeld zu einem Konzert ein Interview geben kann. Ich bin ja jetzt mitten im Arbeitsprozess mit dem Britten-Konzert. Zuletzt habe ich es vor 14 Monaten gespielt und merke an meiner Arbeit, wie viel inzwischen wieder passiert ist.

 

Das Konzert als Live-Ereignis ist dann der nächste Schritt. Auch dort beginnt es wieder mit der weißen Leinwand und bei Null, weil ich Ihnen dann ja vorstellen und vorspielen werde, an was ich sehr lange gearbeitet habe und Sie nichts von meiner Vorgeschichte mit diesem Stück wissen.

 

Wenn Sie auf Ihr großes Engagement für zeitgenössische Musik angesprochen werden, betonen Sie oft, dass Sie als Musikerin die Balance des Traditionellen und des Modernen als sich gegenseitig befruchtende Gegenstücke schätzen. Benjamin Brittens Musik, entstanden in einer Zeit, in der avantgardistische Strömungen sich etablierten, scheint ja immer irgendwo in der Mitte zwischen Tradition und Moderne zu schweben. Ist sein Violinkonzert also das perfekte Werk für Sie?

 

Die einfache Antwort lautet ja. Ich liebe das Britten-Konzert und es ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke. Mir erscheint es immer so, als habe Britten in den Entstehungsjahren 1938/39 geahnt, welch eine Katastrophe da auf unseren Kontinent zurollt. Er beschreibt in diesem Werk den Kampf, den Krieg, aber eben auch die zerbrechliche Menschlichkeit als Gegensatz, als das höchste Gut, das es zu schützen gilt und das ultimativ überleben wird.

 

An Benjamin Brittens Violinkonzert fasziniert mich persönlich die enorme Energie und Spannung, die von ihm ausgeht, auch in leisen und vermeintlich entspannteren Passagen. Empfinden Sie dies genauso und wie gelingt es, diese Spannung aufrecht zu erhalten?

 

Genau! Eine meiner absoluten Lieblingsstellen ist im ersten Satz, wo die Violinen/Streicher des Orchesters ganz zart und melancholisch das Thema spielen und ich ganz leise, aber streng und rhythmisch gerade begleite … Das ist eine ziemlich lange Strecke, bevor uns Britten aus der Spannung befreit und uns mit einem Crescendo ‚belohnt'. Auch das Ende des ersten Satzes ist absolut unheimlich und ungewöhnlich. So, als hätte man eine ungute Vorahnung ‒ die sich dann im zweiten Satz bestätigt …

 

Der berühmte Jascha Heifetz hat Benjamin Brittens Violinkonzert als „unspielbar“ bezeichnet und es selbst auch konsequent nie gespielt. Ich frage Sie jetzt nicht, ob er Recht hatte, denn viele Violinist:innen, Sie eingeschlossen, haben bereits bewiesen, dass es eben doch spielbar ist. Aber können Sie nachvollziehen und erklären, welchen Aspekt genau Jascha Heifetz damit einst gemeint hat?

 

Ich kann absolut nachvollziehen, weshalb dieses Werk selbst von Heifetz als ‚unspielbar‘ bezeichnet wurde. Es ist teilweise auch sehr unangenehm, wo es der Zuhörer gar nicht vermuten würde ‒ beispielsweise die leise, zart und hoch klingende Flageolett-Stelleam Schluss des ersten Satzes ist sehr unbequem und schwierig zum Klingen zu bringen, oder auch der rasant schnelle zweite Satz mit den Läufen aus schwer zu greifenden Terz, Sext-, Oktav- und Dezimintervallen ist eigentlich nicht machbar. Aber wie so oft im Leben habe ich versucht, Lösungen zu finden, die dem, was geschrieben steht, so nahe wie möglich sind. Und ich denke, es kommt hier nicht auf die kleinsten Details an, sondern auf die Geste, auf das Dämonische in diesem Satz.

 

Zum Schluss noch die Zusatzfrage: Haben Sie in Brittens Violinkonzert einen Lieblingsmoment?

 

Ich habe unendlich viele Lieblingsmomente in diesem Stück. Aber der Lieblingsmoment aller Lieblingsmomente (nicht nur in diesem Stück, sondern es ist einer meiner Lieblingsmomente in der gesamten Musikgeschichte!) sind die letzten ca. 4-5 Minuten des Stückes. Die Geige fliegt so frei davon, kämpft anfangs noch den irdischen Kampf, macht sich dann aber gegen Schluss immer freier davon, das Orchester versucht immer wieder mit fast mittelalterlich anmutenden Sequenzen dagegenzuhalten oder die Geige zum Einlenken und Umkehren zu bringen. Aber diese macht einfach, was sie will, fliegt davon, und das Orchester fügt sich dem immer mehr. Bis sich alles auflöst ‒ und doch nicht ganz, weil ich mit einem Triller ende, der auch das Ungelöste, Schmerzhafte bis zum Schluss repräsentiert. Aber wir machen alle unseren Frieden damit.

 

4. Sinfoniekonzert: Aeriality

Werke von Anna Thorvalsdóttir,
Benjamin Britten und Witold Lutosławski

Sonntag, 29.01.2023, 17:00 Uhr
Montag, 30.01.2023, 19:30 Uhr

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