Nora Khuon

 

 

Der Kapitalismus wurde von Joseph Vogl einmal als ein System beschrieben, das mit dem „Risiko des Ungedeckten“ operiert. Das Geld ist nicht real, sondern rein fiktiv, eine Erfindung. Im Geld, so Vogl, formuliere sich, so verstanden, ein „Reservoir an Hoffnung“ auf ewiges Wachsen, Anhäufen, Vermehren. In der Krise entpuppt sich die Hoffnung als Blase. Geplatzt liegt sie zu unseren Füßen, und wir schauen sie betreten an. Manches Mal raufen wir uns die Haare, ja vielleicht zweifeln wir auch am gesamten System, das immer mehr will, aber trennen können wir uns dann doch nicht da­von, wo das Wachsen doch scheinbar naturgegeben ist. Ich wachse, warum dann nicht auch die Dinge um mich herum – ob nun greifbar oder auch nicht. Können nicht Liebe, Güter, Geld und Glück in gleichem Maße wachsen wie ich? Hieße an das Stagnieren des kapitalen Wachstums zu glauben auch, das eigene Wachstum zu negieren? Ist wachsen nicht auch entwickeln? Wohin treiben wir denn, wenn wir uns gar nicht mehr entwickeln, sondern im Jetzt verharren? Also begraben wir die Hoffnung nicht, heben sie auf, päppeln und nähren sie: ein neuer Versuch in alter Systematik. Es scheint in unsere Matrix übergegangen zu sein, mehr zu wollen, als da ist und unseren Planeten zugunsten des freien Marktes zu plündern, bis er zugrunde geht. Doch, so Vogl: „Das Kapital ist ja nur ein bestimmter Vermehrungszwang, den moderne Gesellschaften sich selbst auferlegt haben“ – eine Erfindung, eine zweite Natur, die man scheinbar ebenso wieder hinter sich lassen kann, wie man sie einstmals angenommen hat.

 

Wieso nicht etwas Neues erfinden? Wieso nicht eine neue Ent­wicklung starten? Diesmal nicht linear, sondern verästelt, tenta­kelartig, ungerichtet gerichtet, verbindend, Lücken öffnend und schließend. Das einzelne Subjekt, das seine Kraft aus sich und sei­nem Intellekt schöpfte, stünde nicht mehr im Mittelpunkt, sondern ein Verbund von Mensch, Tier, Pflanze und Welt: ein Netzwerk von Vielen, das den Versuch wagt, das Gefühl zu rehabilitieren und die Natur als Partnerin, nicht als Lieferantin zu begreifen. Denn wir riskieren unsere Erde aufgrund der Erfindung einer Ökonomie, die sich eng verknüpft mit dem Gedanken, dass unsere einzige Gewiss­heit das Denken und Zweifeln ist und wir das Zentrum der Welt, frei zu tun und zu lassen, was uns gefällt: Wachsen und Ausdehnen im Sinne der Freiheit und der Subjektivität. Doch wie Byung-Chul Han feststellt, ist die so verbundene Freiheit trügerisch: „Das neo­liberale Subjekt ist nicht fähig zu Beziehungen zu anderen, die frei vom Zweck wären. Freisein bedeutet ursprünglich bei Freunden sein. Die Freiheit ist im Grunde ein Beziehungswort. Man fühlt sich wirklich frei erst in einer gelingenden Beziehung, in einem beglü­ckenden Zusammensein mit anderen. Die totale Vereinzelung, zu der das neoliberale System führt, macht uns nicht wirklich frei. So stellt sich heute die Frage, ob wir die Freiheit nicht neu definieren müssen, um der verhängnisvollen Dialektik der Freiheit, die diese in Zwang umschlagen lässt, zu entkommen.“

 

Das unerschütterliche Fundament Descartes’ ist längst rissig und rottig. Also fort damit und auf zu neuen Ufern. Warum sollten wir uns vom Kapitalismus vor sich her treiben lassen, lasst uns den Kapitalismus lieber vertreiben (und das freiheitliche Dilemma hinter uns lassen). „You can’t run from the devil so let the devil run from you“ (Digger Barnes).

 

Lasst uns zur Kugel werden.

 

Was müssten wir riskieren, um unseren Planeten nicht vollends zu ruinieren, Corona einzudämmen, sozial verträglich zu sein? Könnte Verzicht das Wagnis unserer Zeit sein? Kann sich daraus eine Alternative jenseits erlernter Strukturen ergeben, die wir mit den Mitteln der Kunst gestalten könnten? Kann ich das Risiko eingehen zu verschwinden, damit etwas anderes entsteht, oder bestehe ich gerade in der Lücke? Kann ich Beziehungen finden, zweckfrei in vollkommener Freiheit und Gebundenheit?

 

Der Kern einer alternativen Umordnung begründete sich darin, Abstand vom menschlichen Subjektivismus zu nehmen. Aber wie funktioniert das? Wie stellt man sich selbst zurück und wird Spuren los, die das gesamte Anthropozän durchfurchen? Simpelst gesagt, beginnt es schon damit, dass man zuhört, wirklich zuhört; nicht um danach zu sprechen, sondern um das Gehörte in sich selbst hineinzuverwandeln und einen echten Dialog zu führen. Kein Wa­rentausch, keine leere Zirkulation von Dingen, die das Ich verein­zelt und es nur mit sich selbst konfrontiert, sondern ein Begegnen mit dem Anderen. Ist das nicht das Wagnis, das es bräuchte? Und zwar nicht, weil es sich im klassischen Sinne lohnt, sondern weil es uns jenseits des Sich-Lohnens führen könnte. Weil das Raue, das sich widersetzt, das uns überrascht und fordert, unsere Neugierde anstachelt, uns denken lässt, uns umdenken lässt, genau das ist, was wir kaum noch kennen, geschweige denn praktizieren. Die Diffe­renz, die Irritation des Eigenen, wird konkret, und damit könnte eine Gemeinschaft überhaupt wieder spürbar werden. Das Wagnis, Sicherheit, die längst zu einem Massensterben geworden ist, zu verlassen und sich der Irritation zu öffnen, wäre die Möglichkeit auf eine Wende. Sie wäre nicht bloße Gefahr, sondern ein Horizont, an dem sich Wachstum neu definiert, eines, das wir lange vermisst haben. Konkrete Zeit müsste den Platz der abstrakten Zeit einnehmen, das Hier und Jetzt zu besetzen wäre die Handlung gegen den Fortschrittsglauben. Es gälte aber nicht, sich wieder selbst ins Zentrum dieses Hier und Jetzt zu bugsieren, sondern eine Lücke zu formulieren und die eigene Spur zu verwischen.

 

Friederich von Borries hat vor ein paar Monaten mit „Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben“ ein Projekt ge­startet, das genau mit diesen Gedanken operiert. Er initiierte unter anderem ein Stipendium, das 1600 Euro auslobte dafür, etwas nicht zu tun. Das Risiko wird also im Sinne des kapitalistischen Grund­musters abgefedert, und gleichzeitig schlägt es sich mit seinen eigenen Waffen, indem das Projekt Leistung umdeutet. Nicht mehr für die Tat, sondern für die Auslassung wird Lohn in Aussicht gestellt. Dabei geht es nicht ums Faulenzen, sondern darum, aktiv eine Tat auszusetzen, um einer anderen Raum zu geben: aktives Zuhören, aktives Schützen unserer Umwelt durch Unterlassungen, aktives Zurücktreten, um Heilung zu ermöglichen. Die Hoffnung läge darin, dass die Lücke, die man selbst entwirft, und die Ermög­lichung des Anderen dazu führen, etwas wirklich Gemeinsames zu bilden, in dem das Eigene nicht mehr relevant scheint, weil sich eine Form des Zugehörigen formiert.

 

„Gute Gedanken sind wie Zelte: Man kann sie auf- und abbauen. Man kann sie zerstören, während Meinungen wie Betonklötze in der Gegend herumstehen“, sagte einmal Schlingensief in einem Interview. Wenn wir uns wieder irritieren lassen und unser Zelt auf-und abbauen, anstatt wie ein Klotz in der Landschaft herumzuste­hen, könnte das eine Erfindung sein, die Gemeinschaft praktiziert jenseits kapitalistischer Strukturen. Die Irritation, die Bewegung gälte nicht mehr als Schwäche. Ganz im Gegenteil: Es würde offenbar, dass nur in der gedanklichen Bewegung die Möglichkeit der Berührung besteht. Das Risiko des Gedankens bricht mit der Gewohnheit. Die alte Bahn, das System ist verlassen. Die Linearität würde dem begegnen, was Kluge als „ein kugelförmiges Erzählen mit geschwächten Konsequenzen und Kausalketten“ beschreibt. Damit glaubte er den Zeitpfeil, der die Wunde in die Welt trägt, umkehren zu können. „Der Zeitpfeil dreht sich wie eine Kom­passnadel, Abdriften entstehen, und durch eine Veränderung des Winkels kommt man in einer anderen Realität als der an, von der man ausgegangen ist. Wenn wir also an der Fülle des Konjunktivs festhalten, der ja immer kugelförmig ist, weil alle Möglichkeiten darin enthalten sind, wenn die Sinne damit umzugehen lernen und die Arbeitskraft sich daran gewöhnt, dann würden wir ganz konkret an der Nicht-Linearität bauen, wie Bauleute an einer utopischen Architektur.“

 

Eine wagemutige Baumeisterin dieser utopischen Architektur ver­folgt mich schon seit Jahren. Sie heißt Isa und wohnt in Wolfgang Herrndorfs hinterlassenem Fragment Bilder deiner großen Liebe.

 

Hinter Isa schließt sich das Tor unserer Welt – konkret das der Psychiatrie, der sie entflieht –, und es öffnet sich ihr eine unbe­kannte Wildnis. Sie wirft sich in diese in einer Gläubigkeit, dass es einem angst und bange wird. Weitab vorgefertigter Wege geht sie und stürzt, steht wieder auf und geht weiter. Sie tut es einfach und befragt es nicht. Isa sprengt nicht die Grenzen unserer Welt, sondern sie sucht sich eine andere, fern der gewohnten. Sie ist eine Außenseiterin im klassischen Sinne. Ein Mädchen: rotzig und zart zugleich, empfindsam und kühl, verrückt und klar und vor allem immer wieder einsam. Ihre Einsamkeit ist keine der Verlassenen oder Verlorenen. Sondern eine Entscheidung. Isa ist kein Opfer, sie ist kraftvoll und reich. Sie spürt nach den Grenzen der Freiheit und deren Überschreitung. Sie bewegt sich jenseits konventioneller Pfade und hat dabei nichts außer ihrem Tagebuch, blutenden Füße und einem bestechend präzisen Blick auf die Welt und auf sich selbst. Sie durchquert Wiesen, Flüsse und Wälder, hungert, blutet, strahlt, friert, vibriert, und sie scheint dabei vollkommen allein zu sein. Doch bei genauerem Betrachten zerfällt dieses Bild. Und ein viel größeres erscheint am Firmament. Ihre Unbehaustheit betrifft nur unsere Welt und mag uns wie Einsamkeit erscheinen, doch sie tritt in ein ganz anderes Innigkeitsverhältnis ein, das sich erst nach und nach eröffnet. Sterne, Himmel, Wälder, Flüsse Straßen, Tiere, Büsche, Blumen, das ganze Universum ist es, mit dem sie sich ver­bindet und das die Bilder ihrer großen Liebe ausmacht. Die Welt wird zum schönsten und reichsten Ort. Jenseits von Tauschhandel und Wachstum entfaltet sich eine Wirklichkeitserfahrung, die in der Lücke liegt. Isa ist wagemutig. Nicht nur, dass sie sich jenseits des Bekannten bewegt. Sie ist die Bewegung selbst. Und sie ist der Mut. Denn Isa scheitert immer wieder. Auf ihrer Wanderung, die kein Ziel zu haben scheint trifft sie rätselhafte Gestalten, märchenhaft unheimlich, orakelhaft. Sie tritt immer wieder in Kontakt mit diesen, doch kommt sie nie wirklich in eine Verbindung, die trag­fähig ist. Am Ende steht sie und blickt auf die Welt, die sich ihr zu Füßen ausbreitet. Autos, Straßen, Menschen, alles gleich, alles Wiederholung. „Der Abgrund zerrt an mir, aber ich bin stärker.“ Wo das Ende liegen könnte, die Möglichkeit der eigenen körperlichen Auslöschung, vollzieht sich etwas traumhaft Schönes. Die absolute Spurlosigkeit, der perfekte Schuss. „Ich kontrolliere die P8. Laden und entspannen. Laden und entspannen. Ich halte die Waffe genau senkrecht hoch und sehe mit offenem Mund der Kugel hinterher, sehe sie steigen, sehe sie immer kleiner und kleiner und fast un­sichtbar werden im tiefdunklen blauen Himmel, bevor sie sich aus dem Verschwundensein wieder materialisiert und zu fallen beginnt, millimetergenau zurück in den Lauf der Waffe.“ Isa lebt, und auch die Welt hat überlebt. Die Utopie der Spurlosigkeit manifestiert sich im Instrument der eigentlichen Zerstörung. Umkehren scheint hier möglich. Wenn man nur bereit ist, sich zu riskieren. Lasst uns also zur Kugel werden, den Zeitpfeil wie eine Kompassnadel dre­hen und dem Ich entkommen.

 

Nora Khuon, *1980, ist Dramaturgin und Autorin. 2012 erhielt sie den Marie-Zimmermann-Preis. Seit 2019 ist sie Leitende Dramaturgin am Schauspiel Hannover.

 

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