Kevin Rittberger

 

Risicare, lese ich nach, bedeutet in der Seeschifffahrt das Umsegeln einer Klippe. Das kommt mir ganz zupass, dass ich das schnell googeln kann. Ansonsten hätte ich zwar nicht im Trüben gefischt, aber doch etwas unbeholfen herumgekratzt am Lack, am Bootslack meiner Nussschale, die mich durch diesen Textfluss hindurchnavigieren soll.

Ich hätte riskiert, mich zu blamieren.

Ich hätte es nicht gewagt, einfach drauf los zu schreiben.

Wagnis, so lese ich nach, bedeutet etwas auf die Waage zu legen und nicht zu wissen, wie sie ausschlägt.

So, jetzt aber Schluss mit Google!

Gut, dass ich das jetzt weiß.

Schlecht, dass ich das schon wieder vergesse. Beim Styx! Ich vergesse nämlich viel, und wenn ich nicht sogleich drauf hinweise, dann riskiere ich vor allem, diejenigen zu enttäuschen, die mich vertrauensvoll mit Erzähltem befüllen.

Obwohl: Gut wiederum, dass ich das Gegoogelte schon wieder vergessen habe, denn nun laufe ich nicht Gefahr, dass ich hier nichts riskiere, denn riskieren hat doch immer etwas damit zu tun, nicht genau zu wissen wo es lang geht, oder nicht?

 

Ein Text über das Risiko sollte selbst riskant verfasst sein. Riskant ist es gewiss, zu Beginn keine Ahnung zu haben, wohin die Reise geht.

Wollen sehen, welche Karte hier entsteht.

 

Um bei der Nautik zu bleiben: Fast hätte ich in der fünften Zeile schon geschrieben: „Ich hätte riskiert, unterzugehen.“ Aber genau genommen wäre ich gar nicht untergegangen, denn so falsch hätte ich gar nicht gelegen, also so sehr wäre ich gar nicht ins Schwimmen geraten. Ich hätte, ja, gut, ein wenig mit den Armen gerudert, aber auch nicht so, dass der Bademeister mir zu Hilfe geeilt wäre. Für ihn hätte es wie eine Übung ausgesehen, wie einer, der im Wattenmeer − nicht mal knietief − steht und mit den Armen kreisförmige Bewegungen macht. Ja, sagen wir, das geschieht im taiwanesischen Wattenmeer, und – Sie ahnen es nicht, da war ich mal! – das Wasser ist über dreißig Grad warm und draußen sind es sogar fünfunddreißig. Kein Spaß. Und Taiwan riskiert mit jeder Freimütigkeit, etwa dem Hissen einer eigenen, die Unabhängigkeit anzeigenden Flagge, von der gegenüber liegenden Küste Festland­chinas bombardiert zu werden.

 

Natürlich gibt es kein Ziel.

 

Was ich sagen wollte, bevor ich offensichtlich riskiert habe, vom Metaphorischen ins Politische zu segeln, war eigentlich etwas anderes. Ich wollte mich semantisch treiben lassen, mich darauf verlassen, dass ich zur gegebenen Zeit schon noch Reserven hätte. Aber die Klippe des Politischen konnte ich nicht umschiffen. Oder: Ich lief auf politischen Grund. Welches Bild gefällt Ihnen besser?

 

Fast hätte ich eingangs, ohne zu googeln, losgeplaudert, dass ein Risiko sicher etwas mit Kybernetik zu tun hat. Ja, richtig, viel eher mit Kybernetik als mit Nautik! Nautik, die Führung eines Schiffes, Kybernetik die Steuerung. Oder, wenn Sie mich fragen: die Selbst- Steuerung.

 

Risicare wäre also, frei heraus, die Selbst-Steuerung derjenigen, die einen gefährlichen Kurs einschlagen. Oder die, ich will es ambiger halten, Steuerung der Selbst-Steuerung oder Befähigung zur Selbst-Steuerung. Und: Ein durch Menschenarbeit geschaffenes Wasserfahrzeug, das nicht so leicht kippt, an dem ein Erfahrungsschatz von hundertzwanzigtausend Jahren hängt, wird immer auch etwas Vertrauen vorschießen.

 

Stop! Nennen Sie mich jetzt nicht gleich Kontroll-Freak, nur weil ich mal ein paar Fakten ins Rennen werfe!

Also jedenfalls: eine gewagte These, nicht wahr, Steuerung auch als Selbst-Steuerung zu begreifen?

Wenn wir weiter riskieren, was wir derzeit riskieren, dann werden wir die Klippe aber nicht ohne Havarie umschiffen, dann gehen wir wirklich unter. Zumindest die, die nicht in ihrer Freizeit weiterhin knietief im warmen Wattenmeer stehen können.

 

 

Die nächsten Klippen nämlich, das sind die klimatischen Kipppunkte. Und um nicht vollends sonnenuntergangsselig zu diesen Kipppunkthorizonten hinzusegeln, bräuchten wir halt schon eine gewisse Befähigung zur Selbst-Steuerung, denn die Steuerung nimmt uns keiner mehr ab. Wir haben es uns und allen anderen eingebrockt, also holen wir die Kohlen auch wieder aus dem Feuer. Und zwar so, dass sich die Löschaktion von der Fortschrittsmanie der vergangenen Jahrhunderte unterscheidet. Also so, dass wir nicht das gesamte Löschwasser verbraucht haben werden, wenn am Ende immer noch das Löschfahrzeug in Flammen steht. Und auch so, dass sich nicht ein Einzelner inszenieren kann, stellvertretend für die anderen die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

 

Da wir aber, wenn wir zur Steuerung der Selbst-Steuerung befähigt sind, angesichts der fortgeschrittenen Zeit unbedingt waghalsig ins kalte Wasser springen müssen, können wir ganz auf unseren Mut setzen.

Im Falle der Klimakrise scheint uns der Mut aber längst verlassen zu haben. Wir riskieren nichts. Wir wägen ab, ja. Ein bisschen mehr Forstwirtschaft, ein wenig mehr nachhaltig, SUVs sind doof, aber Black Friday Shopping ist cool ... Komm, 2 Grad oder 2,5 Grad sind doch auch ’ne Leistung! Hm, lieber Gott? Komm, hab dich nicht so! Wir verteilen auch gleich noch etwas Grundeinkommen, unter uns, damit wir den ganzen Tag Netflix schauen dürfen, den Rest lassen wir eine Künstliche Intelligenz ausrechnen, und am Ende sagen wir: Du bist schuld, KI, an allem, du hast dich verrechnet!

Inzwischen taumeln wir ins Ziel: der rapiden Erwärmung, der Res­sourcenknappheit, der fortwährenden Katastrophen und Kollapse, des Rette-sich-wer-Kann, der Robinsonaden, des Ende-der-Welt-der-Menschheit-wie-wir-sie-Kannten.

Natürlich gibt es kein Ziel. Natürlich ist das kein Ziel.

 

Nehmen wir also an, die perfekte Arche: solarbetrieben, sturmsicher, sie schippert auf ewig übers Meer, bei Wind und Wetter, sammelt noch all den Müll ein, der umhertreibt, macht daraus Spielzeug, Turnschuhe und Schiffstau und bringt Leute von A nach B, auch Leute, die nicht schon in A sind. Ooops, liebe Kinder, und natürlich auch die Nestrier!

 

Nehmen wir weiter an, das perfekte Luftschiff: ebenfalls energieautark, es schippert auf ewig durch die Lüfte, transportiert Gegenstände (ehemals: Waren), also brauchbare Güter von A nach B und retour und filtert dabei noch in großen Mengen Kohlenstoff aus der Luft.

Halt! Ich umsegle längst keine Klippe mehr. Ich riskiere nichts. Die Klimakrise ist ja mein Steckenpferd, mit dem ich mich sanftmütig wie das Trojanische Pferd in jeden Diskurs hineinziehen lasse. Schon schlüpfe ich aus dem Bauch heraus und triumphiere über die Staunenden, die mich lieber gestreichelt hätten. Ich mache ihnen weiß, dass ihr Handeln keines ist, dass alles zu spät ist, was sie als Handeln ausgeben, dass nur eine radikale Kehrtwende überhaupt noch etwas bewirken könnte. Schon zücke ich den Weltagrarbericht, den keine:r lesen will.

Kassandra, was riskierst du, wenn du die schlechte Nachricht überbringst, dass es ohnehin zu spät sei für alles?

 

Hinter der Klippe kommt garantiert der Abgrund. Die Erde wird dem Menschen wieder zur flachen Scheibe. Alle Territorien vom Wasser eingeschlossen. Okeanos wird es richten.

Was denken Sie? Ist eine Steuerung zur Selbst-Steuerung noch möglich? Oder muss jemand das Ruder in die Hand nehmen und alle eingeübten, gemeinsamen, langwierigen, − Achtung! − demokratischen Entscheidungsfindungsprozesse hinwegfegen, um bloß irgendwie und immerhin nur mit teilversehrter Besatzung durch den Sturm zu kommen?

Ein Drittel bis Viertel der Bevölkerung hierzulande etwa hält Autorität für etwas Sinnvolles. Nur sind diese autoritären Charaktere nicht für den drastischen Handlungsbedarf empfänglich, den die Klimakrise aufgibt. Wären sie dafür empfänglich und würden statt gegen Masken und Muslime für Klimagerechtigkeit protestieren, wäre das wirklich riskant. Es wäre die Morgenröte einer Öko-Diktatur. Aber von den Kindern, die nur am Freitag auf die Straße gehen und sogar mit den Vorständen der deutschen Großkonzerne auf Du und Du sind, müssen wir nichts Autoritäres erwarten. Eher lassen sie sich vor den Karren einer angeblich klimaneutralen Wasserstoff-Wirtschaft spannen, die ihre Schadstoffe doch bloß wieder woanders emittiert.

Ach herrje, Zynismus. Das ist nicht riskant. Ein Text über das Risiko muss dringend etwas wagen und optimistisch argumentieren. Aber niemals zynisch.

 

Es ist riskant, dass die Privatisierung in der Pandemie fortschreitet, während das öffentliche Klima auf Hosentaschenformat schrumpft.

Es ist riskant, dass die Kluft zwischen Vermögenden und Habenichtsen größer wird.

Es ist riskant, wenn die Pandemie ungleich zuschlägt und die Risse schon vorher deutlich sichtbar waren.

 

Viel war nach der Finanzkrise von 2007 von Alternativen zum real existierenden Kapitalismus die Rede. Immer enger wurden stattdessen die Stellschrauben in Richtung von noch mehr Privatisierung gedreht. Das Private ist aber nicht das Politische, wenn es nicht verhandelt werden kann. Wenn sich keine:r mehr auf einer Demonstration unterhaken darf, um die Forderung kollektiv herauszuschreien. Wenn sich auf den öffentlichen Plätzen keine Menge mehr einfinden darf. Und nicht zuletzt, wenn nicht mehr gemeinsam und auf Tuchfühlung gegessen, getrunken, getanzt und gesungen wird. Wenn Leute sich nicht mehr als Publikum erfahren dürfen.

 

Es ist riskant, wenn die alternativlose Ökonomie am vehementesten geschützt wird und diejenigen zurückstecken, die ohnehin zurückstecken.

Es ist riskant, wenn wir nur noch mittels kapitalistischer Sachzwänge in Kontakt miteinander kommen.

Es ist riskant, wenn die Ästhetik der Versammlung trotz anwachsender Krisen verbannt wird.

 

Ästhetik bezeichnet auch einen gemeinsamen Raum, der rituell wahrgenommen wird. Sie ist die gemeinsame und entgrenzende Erfahrung von mehr als einem Menschen. Sie sprengt das Private. Sie ist das, was TikTok algorithmisiert, aber nie ersetzt. Ästhetik lokalisiert und materialisiert kulturelle Phantasie zwischen Körpern. Sie zeigt, dass mit offenen Augen geträumt werden darf. Ich darf wahrnehmen, dass neben mir gelacht und geweint wird. Ich darf in Gesellschaft aufgebracht und gerührt sein. Ich darf den Atem der anderen im Nacken spüren.

 

Es ist riskant, wenn wir Menschen zurücklassen, die wir retten können.

Es ist riskant, wenn sich nur diejenigen Privatisierung leisten können, die sich um Sorgearbeit drücken.

Es ist riskant, wenn die einen leise und respektvoll sind und die anderen das Recht, Rechte zu haben, nur für sich verpachten.

Was finden Sie riskant? Gesetzt, die Welt rückt mir endlich auf die Pelle: Finden Sie sich auch auf dieser Karte wieder?

 

Kevin Rittberger, *1977, ist Autor und Theaterregisseur. Er ist Gewin­ner des Kurt Hübner Regiepreises, des Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreises. Am Schauspiel Hannover entwickelte und inszenierte er das Stück "The Männy. Eine Menschtierverknotung". Er lebt in Berlin.

 

 

 

 

 

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