spätzi kollektiv

 

 

Ein kalter Februarmorgen.

Die Luft: klar.

Die Straßen: aufgeräumt.

Die Menschen: im Winterschlaf.

06:30: Stille.

Fast bewegungslos scheint sie zu sein, diese Stadt.

Berlin-Alexanderplatz: Eine Frau in einem langen, schwarzen Ledermantel steht in der Mitte des verlassenen Platzes.

Ihr gegenüber ein Mann. Kurze Hosen, Sonnenbrille, Zigarette.

Er kommt vom Feiern. Irgendwo im Untergrund hat er eine dieser Goa-Technopartys gefunden. Ein paar Lines Speed geballert, und los geht’s.

Aber wohin eigentlich?

Kann ja keiner was machen.

Sind ja alle aufgefordert, innezuhalten.

Aber mit dem Innehalten kommt er nicht klar. Der Mann. HERR WAGNIS. Er will ACTION. Bewegung. Rausch. Extase. Aufhebung aller Grenzen.

Der Mann und die Frau taxieren sich auf dem leeren Platz.

Ein Polizist geht an ihnen vorüber. Er schaut irritiert zu der großen, schönen großen Frau im schwarzen Mantel und dem Typ in kurzen Hosen.

Er sagt nichts.

Geht weiter.

Schnell ins Warme.

Tee trinken und Mutti anrufen.

Die wohnt in Mönchengladbach. Zusammen mit dem kranken Vater. Den sie pflegt, bereits seit Jahren, und von dem sie sich manchmal heimlich wünscht, dass er doch das Zeitliche segnen möge, aber er bleibt hartnäckig. Der Vater. Er klammert sich ans Leben wie die Motte

ans Licht.

 

FRAU RISIKO (zum Mann in kurzen Hosen): Hallo!

 

Der Mann taxiert sie aufmerksam. Mit seiner linken Hand fühlt er in seiner Jackentasche. Nur noch 2 Euro 50! Scheiße! Reicht nich’ ma mehr für Tabak, Alla, denkt er sich.

 

FRAU RISIKO (wiederholt): HALLLOOO!

HERR WAGNIS (etwas zu laut brüllend, zu ihr): Ich wag mich mal nach Neukölln, nachts um vier − an Silvester.

 

Oh Gott, denkt sich Frau Risiko, wieder so ein Hängengebliebener. Die ganze U8 ist voll davon. Was müssen die sich jetzt auch noch am Alex rumtreiben? Is’ mein Revier hier. Sie dreht sich um und geht. Ihr schwarzer Ledermantel flattert geräuschvoll im Wind.

 

HERR WAGNIS Und? Wie geht’s der Frau?

FRAU RISIKO (ohne sich umzudrehen): Meinste mich?

HERR WAGNIS Nö, deinen Schatten?

 

Er lacht giggelnd, zieht seine Rotze hoch und spuckt aus.

Sie dreht sich blitzschnell um, macht einen Satz und steht plötzlich einen halben Meter vor ihm. Zeit und Raum scheinen sich verzogen zu haben. Wie kann sie so blitzartig vor ihm stehen?

 

FRAU RISIKO Der jagt mich!

HERR WAGNIS (schluckt): Wieso? Haste ihn rausgeworfen? (lächelt bemüht)

 

Frau Risiko schüttelt den Kopf. Sie merkt: Hier ist nichts zu holen. Nur zusammenhanglose Scheiße, aber was soll man von diesen Drogenhipstern auch anderes erwarten. Die feiern, als gäb’s kein Morgen. Sie murmelt: Ficken!

 

HERR WAGNIS Da kann sich meiner (er meint den Schatten) ausleben.

FRAU RISIKO Wo?

HERR WAGNIS Beim Vögeln.

FRAU RISIKO Schwein! (sie klatscht ihm eine) Jetzt mal ernsthaft. Ich kann nich’ mehr …

HERR WAGNIS (unterbricht sie): Is’ mir zu ernst. Ich wag lieber was.

 

Er greift ihre Hand. Sanft. Sie weiß nicht, wann sie zuletzt eine Berührung gespürt hat. Plötzlich ist sie hellwach, noch wacher als eh schon. Dieses Gefühl? Es ist wieder da. Das kannte sie doch mal. Berührung? Nähe? Geborgenheit? Wo ist das alles hinverflogen. Sie schaut

auf seine Hand. Die liebevoll die ihre hält.

 

HERR WAGNIS Sorry, bist nicht mein Typ. Aber Bock auf Kaffee?

 

Innerlich kotzt sie.

Ich bin ehrlich, denkt er sich.

Ich will nichts mit ihr anfangen.

Aber ich will sie kennenlernen.

Ohne ficken.

Einfach so.

Er denkt: Oder doch lieber Club?

Sie denkt: Ja, aber der Beat muss so laut, dass mein Herz explodiert.

Geht klar, sagt er.

Tanzen?, fragt sie

Immer, sagt er.

Immer und überall!, sagt sie.

 

HERR WAGNIS Aber nackt, ist mir lieber.

 

Die Frau guckt beschämt zu Boden. Der Mann hat sich in Windeseile ausgezogen. Er ist nackt. Aber irgendwie hängt da kein Penis an ihm dran, auch keine Vulva oder sonst irgendwas Geschlechtsspezifisches. Er ist einfach ein nackter Körper aus Fleisch, Blut und Gedärmen.

Sie ist irritiert.

 

HERR WAGNIS Alles kann, nichts muss.

 

Sie weiß nicht, was sie tun soll. Sie ist überfordert.

Aus lauter Hilflosigkeit beginnt sie, sich sacht hin und her zu wiegen. Sie im Ledermantel auf dem Alexanderplatz. Er, nackt, ohne Penis oder sonst irgendwas zwischen den Beinen, schaut sie an. Beide schauen einander in die Augen. Über ihnen durchzucken

Blitze den Himmel. Die Frau überkommt es. Sie küsst ihn.

 

HERR WAGNIS (schiebt sie behutsam weg): Sorry, ist gerade nicht mein Vibe.

 

Jochen, der Polizist, heult in seiner Polizeistation. Das Telefonat mit seiner Mutter aus Mönchengladbach, die Nachrichten, das Sterben der Kinder in Afrika, alles hat ihn plötzlich unfassbar traurig gemacht.

 

FRAU RISIKO Am Arsch!

 

Sie holt aus und schlägt Herrn Wagnis mit der Faust in die Fresse. Der Mann schafft es, ihren zweiten Schlag abzuwehren.

Sie packt ihn. Der Mann hebt sie hoch und wirbelt sie durch die Luft und schreit dabei:

ICH WAG ES! ICH WAG ES!

Sie hebt ab.

Fliegt höher und höher.

Sie verliert ihn aus den Augen.

Sie ist allein.

Der Mann schaut hoch in den Himmel. Er ist leer. Genau wie sein Bankkonto.

Die Frau schwebt immer höher. Sie beginnt zu atmen.

Der Mann atmet tief durch. Er schließt seine Augen und beginnt ebenfalls zu schweben.

Der Boden unter ihm entfernt sich. War da eigentlich jemals ein Boden unter mir?, denkt er sich.

War ich schon immer dieses freischwebende Atom im Nirgendwo?, denkt sich die Frau.

Ohne Netz und doppelten Boden. Wenn alle Stricke reißen, dann bin ich den Galgen los, denkt sich Herr Wagnis und genießt das Schweben, nackt und ohne Geld auf dem Konto.

Herr Wagnis und Frau Risiko treffen sich wieder. Irgendwo im Nirgendwo. Auf Wolkenkratzerhöhe.

 

HERR WAGNIS (brüllt ihr zu): Hey, sorry, du bist immer noch nicht mein Typ.

 

Sie lacht.

 

FRAU RISIKO Asozialer Sack! Ich will auch gar nicht dein Typ sein.

HERR WAGNIS Aber ich will dich kennenlernen!

FRAU RISIKO (schließt die Augen): Ich will niemandes Typ sein.

HERR WAGNIS Gut, da sind wir schon zwei.

FRAU RISIKO Ich will ich sein.

HERR WAGNIS Kaffee?

FRAU RISIKO Ich ohne Hüllen!

HERR WAGNIS Wohin? Pankow? Neukölln?

FRAU RISIKO Pankow!

HERR WAGNIS Friedrichshain.

FRAU RISIKO Was denn nun?

HERR WAGNIS Friedrichshain.

FRAU RISIKO Gut. Wagen wir’s.

HERR WAGNIS Alles auf Risiko! (summt er)

FRAU RISIKO (hakt sich bei ihm ein): Plump!

HERR WAGNIS Nackenklatscher inklusive, Probenstimmung: Jetzt erst recht.

 

Auch wenn sie seinen Worten nicht genau folgen kann, so fühlt sie doch, dass alles gut wird, irgendwie, vielleicht, hoffentlich. Möglicherweise. Sie will jedenfalls dran glauben. Also stimmt sie mit ein.

 

FRAU RISIKO Jetzt erst recht!

 

Sie landen wieder sanft auf der Erde.

Auf dem Alexanderplatz.

Neben der Polizeiwache.

Ein Mann führt seinen Hund Gassi.

Der Hund kackt einen überdimensional großen Haufen vor die Polizeiwache und denkt sich: ACAB, ihr Schweine!

Der Mann küsst Frau Risiko neben dem kackenden Hund.

 

HERR WAGNIS Es überkam mich, sorry, ich will dich trotzdem nicht.

 

FRAU RISIKO Ist das das Ende?

 

HERR WAGNIS Nein, ich will ehrlich sein, offen und fühlen. Stimm ein!

 

Frau Risikos Blick fällt auf den Hund, der gar nicht mehr aufhört zu kacken. Jochen, der Polizist, stürmt aus der Wache und erblickt angewidert den riesen Haufen Scheiße.

 

FRAU RISIKO Na gut.

HERR WAGNIS Croissant zum Kaffee?

FRAU RISIKO Auf jeden.

 

Frau Risiko und Herr Wagnis gehen dem Sonnenuntergang entgegen, geerdet, beginnen zu schweben.

Jochen steht allein vor dem gigantischen Haufen Kacke.

Er geht wieder in die Wache.

Erneut ruft er seine Mutter an.

Sie hebt nicht ab.

 

ENDE.

 

spätzi kollektiv sind die Rapperin, Musikerin, Produzentin, Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Theresa Henning und Filmschaffender, Schauspieler und Künstler Yannic Jentzsch. Sie produzieren aktiv im Kinderzimmer, ihrer gemeinsamen Produktionsfirma. Sie leben und arbeiten in Berlin, Allah!

 

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