Adrian Nathan West

 

 

Heute kommen meine Mutter und meine Schwester zu Besuch. Zum Glück muss ich am Abend arbeiten.

 

Nicht, dass ich sie nicht lieben würde − aber soll ich so tun, als hätte ich Gewissheit darüber, worin mein privates Verständnis von Liebe besteht oder über die Legitimität dieses Begriffs eines privaten Verständnisses, geschweige denn darüber, was Liebe im Allgemeinen zu bedeuten hat?

 

Repräsentierte das nicht, wenn nicht Eitelkeit, so doch zumindest einen verwerflichen Rückfall in eine Seinsweise − einen Handel mit Gemeinplätzen, vermischt mit der Art von larmoyanten Zweifeln, die den flüchtigen Einbruch jener geistigen Freiheit signalisieren, die uns endlich erlauben könnte, uns selbst und andere auf originelle Weise zu begreifen, würden wir sie nicht immer unterdrücken oder brachliegen lassen −, käme das nicht einem Ausweichen vor der Last des Denkens gleich, dem ich geschworen habe (das heißt, ich habe mir selbst gesagt, dass ich es geschworen habe) nicht nachzugeben?

 

Auf Geheiß dieses Schwures zögere ich bei meinen Behauptungen, mich fragend, ob sie ein Denken darstellen oder den bloßen Austausch von Worten, die nicht auf das Denken hinweisen, gegen andere, die dessen Eindruck zu bewahren scheinen.

 

Wenn meine Mutter und meine Schwester sich wünschten, an einem Ort wie dem, in dem ich lebe, und in der Nähe einer solchen Person wie ich zu sein, so fällt mir ein, dass sie diesen Wunsch irgendwann in ihrem Leben verwirklicht hätten; und so frage ich mich, was aus einem solchen Besuch werden soll, fürchte, dass keiner von uns das vorher durchdacht hat, und weil keiner von uns weiß, was die richtigen Ziele eines solchen Besuchs sein sollten, stelle ich mir vor, dass er dazu verdammt ist, sich als Enttäuschung zu erweisen.

 

Es ist aber schmerzhaft, diese Dinge laut auszusprechen, und wir sind außerdem daran gewöhnt, uns auf ein gewisses Maß an Falschheit und Doppelzüngigkeit zu verlassen, um uns in unseren Beziehungen zu anderen zu stützen, und diese plötzlich zugunsten der Ehrlichkeit aufzugeben, wie ich es oft erwäge, hieße, uns dem Unglück auszuliefern, denn wir haben keine wirkliche Bekanntschaft mit der Ehrlichkeit als einem Leitprinzip für die Existenz, außer vielleicht in Geschichten von Tolstoi oder Tschechow oder Stifter, deren Handlungen zu weit von unseren eigenen Verhältnissen entfernt sind, als dass sie uns in irgendeiner wesentlichen Weise betreffen könnten.

 

Wir haben das Gefühl, dass Ehrlichkeit sich als taktlos erweisen würde, und haben uns nie die Mühe gemacht, uns die verschiedenen Bereiche von Ehrlichkeit und Takt zu verdeutlichen und wo das eine auf das andere treffen könnte; wir ziehen es vor, aus vermutlichen Gründen, wie ich annehme, auf diesem Gebiet einfach zu improvisieren; und unsere Intuitionen hinsichtlich der Güte der Ehrlichkeit und des Imperativs der Güte im Allgemeinen geben unseren Überlegungen nur vage nach, während der Nutzen der Falschheit oft reflexartig offensichtlich ist.

 

Ich habe eine Lieblingserinnerung an meine Schwester: Ihr Haar ist immer noch blond, ihr Körperbau schlaksig, die Knochen noch zu lang für das Fleisch. Sie hat sich noch nicht ihr erstes Auto gekauft. Sie ist zur Kindertagesstätte gelaufen, um mich abzuholen, weil meine Mutter spät nach Hause kommt.

 

Bowlby und andere argumentieren, dass die Liebe als solche auf der Mutter-Kind-Liebe beruht und dass die Liebe darüber hinaus progressiv ist, sodass das Scheitern des Aufbaus affektiver Bindungen zur Mutter oder zu einer mutterähnlichen Figur das Erreichen sekundärer und tertiärer Formen der Liebe unmöglich macht; dennoch ist es wahr, dass spätere Formen der Liebe einen eigenen Geschmack haben, dass sie etwas hinzufügen und nicht bloße Rekapitulationen infantiler Sehnsüchte sind.

 

Kein Mensch kann glücklich sein, ohne irgendwann das zu tun, was er fürchtet.

 

Der Anblick meiner Schwester gab mir zu dieser Zeit einen besonderen Frisson − ich fühle mich gezwungen, anstatt diesen Gallizismus auszuschneiden, seine Anwesenheit hier darauf zurückzuführen, dass ich heute Morgen in einer Viertelstunde Ruhe Frank Kermodes Essay (seinen letzten, er starb nicht lange nachdem er ihn geschrieben hatte) in der London Review of Books las, über die Verwendung des Wortes Frisson in Eliots Kritik, das der Autor mit Schauder übersetzt, denn es scheint mir, dass dies etwas mit dem zu tun haben könnte, was ich hier zu sagen habe, obwohl ich gestehe, keine Ahnung zu haben, was der Ausdruck zu tun haben bedeuten könnte.

 

Der Anblick meiner Schwester gab mir eine Art Frisson − das Wort suggeriert für mich weniger das Zittern des Unheimlichen als jenes Kribbeln in den Unterschenkeln, das auftritt, wenn man aus seinen Gedanken herausgerissen und ins Sinnliche hineingeworfen wird − inmitten der Klammheit einer gehaltenen Hand und des süßen Geruchs von Abgasen, die ihrerseits an David Gearys Behauptung erinnern, dass Bewusstsein in erster Linie als Antwort auf Probleme entsteht, für die die Routinen der unwillkürlichen Erinnerung unzureichend sind.

 

Es ist die offensichtliche Nutzlosigkeit des bewussten Erinnerns inmitten von zielgerichteten Ratiozinationen, die diese Erinnerungen in ein so rätselhaftes Licht taucht.

 

Wie ein Reflex − ich denke dabei vielleicht unbewusst an einen anderen Schriftsteller und seine ungewöhnliche Verbindung zu seiner jüngeren Schwester, die für ihn eine für seine künstlerischen Bemühungen unerlässliche Quälerei war − halte ich nicht die Idee, sondern den Ausdruck verdrängte inzestuöse Sehnsüchte für einen möglichen Ursprungspunkt für diesen Schauer. Das Verbotene, wie das Bewegende, lässt die Härchen auf der Haut aufsteigen. Aber die Phrase verdrängte inzestuöse Sehnsüchte ist lächerlich, ein schaler Freudianismus. Wenn wir klug sind, lernen wir diese schalen Freudianismen, zusammen mit der Phrase schaler Freudianismus, irgendwann im frühen Leben (ich erwarb meinen eigenen Bestand zwischen vierzehn und sechzehn, durch die Lektüre von Totem und Tabu, Robert Stoller und Wilhelm Stekel), und obwohl sie absurd sind, dienen sie jahrelang als Fundus für wissende Anspielungen und nicht sehr lustige Witze, wenn wir uns unter Mitgliedern unserer gleichen intellektuellen Klasse befinden oder einer, die wir gerne erreichen würden.

 

Diese schalen Freudianismen bilden, wie alle anderen scheinbaren Ideen, die sich im Laufe dessen, was wir für die Entwicklung unseres Geistes halten, in unseren Gedanken niederlassen, den Ausgangspunkt für das, was wir als unsere Spekulationen über die Wirklichkeit bezeichnen, obwohl sie in Wirklichkeit der Logik der Phantasie gehorchen oder sich wie eine Hängematte über den Hohlraum des Nicht-Denkens spannen und nicht weniger als das abscheulichste Klischee unser Verhältnis zu jenen Momenten der Verwirrung verdunkeln, die unser einziger Zugang zum ungetrübten Gefühl der Existenz sind.

 

Einen schalen Freudianismus oder irgendeine andere scheinbare Idee auszusprechen, bedeutet, sich dem Verstehen durch den Anschein des Verstehens zu entziehen, um die Reihe der Gewohnheiten und Errungenschaften wieder aufzunehmen, für die das Verstehen ein Hindernis ist − Gewohnheiten und Errungenschaften, die uns oft aus unserem eigenen Leben vertrieben zu haben scheinen.

 

Dieser Frisson war der Nervenkitzel, die Mischung aus Angst und Hochgefühl, die die Erkundung des Kindes im sogenannten Stadium der Loslösung begleitet, jene ersten Ausflüge ins Vergnügen, bei denen die Mutter keine Rolle spielt, so scheint es mir jedenfalls, nachdem ich einen Bericht über dieses Stadium in Learning to Love von Harry Harlow gelesen habe. Dieser Bericht klang für mich wahr, und so habe ich ihn geglaubt und das Wenige, an das ich mich erinnere, wiederholt, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab, ohne mich zu fragen, was eigentlich passiert, wenn eine Reihe von Worten wahr klingt.

 

Das Vergnügen an jenem Tag bestand darin, eine Durchgangsstraße zu überqueren, die zwischen der Kindertagesstätte und meiner Nachbarschaft lag. Sie war immer von Autos befahren, und meine Mutter hatte mich gewarnt, sie zu überqueren.

 

Psychologen machen viel aus dem Erfolg von Kindern bei instrumentellen Unternehmungen. Der Kriminologe Lonnie Athens postuliert frühe Erfolge in der Anwendung von Gewalt für vorbestimmte Zwecke als entscheidendes Moment in der Entwicklung der antisozialen Persönlichkeit; umgekehrt können wiederholte Misserfolge zu Perversionen authentischer Impulse führen, wie in Reaktionsbildungen oder der Entwicklung von Fetischen bei andernfalls impotenten Subjekten. Unabhängig davon kann kein Mensch glücklich sein, ohne irgendwann das zu tun, was er fürchtet, und auf diese Weise das Gefühl der Freiheit in sich selbst entstehen zu lassen: und in der Dämmerung über die Straße zu laufen, meine Hand in der meiner Schwester, ist die erste Erinnerung, die ich an die Freiheit habe und ihre grundlegendste Form in meinem Geist. Es war kühl in dieser Nacht, und obwohl man bei solchen Dingen nie sicher sein kann, glaube ich, dass ich mich aus diesem Grund in einem kühlen Klima wie dem von Mitteleuropa immer am freiesten fühle und die Hitze des Mittelmeers oder des amerikanischen Südens als so drückend empfinde.

 

Adrian Nathan West, Autor und Übersetzer, lebt in Spanien. Er übertrug unter anderem Werke von Sibylle Lacan, Josef Winkler, Hermann Burger und Kike Ferrari ins Englische. 2022 erscheinen zwei neue Bücher: "My Father’s Diet"  und "The Philosophy of a Visit". Sein erstes Buch "Ästhetik der Erniedrigung" wurde 2020 im Merve Verlag auf Deutsch veröffentlicht.

 

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