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„Schicksalhaft ineinander verwoben“

 

Trauer, Liebe, Hunger: Im Schauspielhaus feiert Anatomy of a Suicide Premiere. Dramaturgin Nora Khuon beleuchtet das Epos von Alice Birch.

 

 

So, wie wir selbst geprägt sind von unseren Eltern, schreiben wir uns in unseren Kindern fort – aus dieser Verkettung von Erbe und Weitergabe scheint es kein Entrinnen zu geben. Wir erfinden uns, stoßen uns ab, wiederholen und widersetzen uns. Es gibt ein Raster, das wir durchwandern. Es zu verlassen scheint kaum möglich. Der Fachterminus heißt transgenerationale Übertragung. „Es ist keine neue Erfindung – es gibt sie, seitdem es Menschen und Familien gibt“, sagt Psychologin Sandra Konrad. „Das emotionale Erbe unserer Familie spiegelt sich in Fantasien, Beziehungsstörungen, seelischen Erkrankungen oder unheimlichen Wiederholungen im Leben der Nachkommen wider. Manche transgenerationalen Übertragungen sind auf den ersten Blick zu erkennen, andere bedürfen einiger Detektivarbeit, bis man versteht, wer was von wem übernommen hat.“ Die Literaturgeschichte wird durchzogen von ebenjenen Übertragungen einer Generation auf die nächste. Ob man nun die Antike aufsucht, wo sich Gewalt und Vernichtung durch die Geschlechter ziehen, oder ob sich Familienkosmen wie in Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder Jonathan Frantzens „Korrekturen“ auffächern und die komplexe gegenseitige Aufladung sichtbar machen, Familien prägen, bestimmen und formen ihre Mitglieder.

 

 

Wer bin ich?

 

Alice Birch widmet sich in ihrem Drama „Anatomy of a Suicide“ dieser Mechanik familiärer Strukturen. Sie erzählt die Lebensgeschichten dreier Frauen aus drei Generationen einer Familie, die schicksalhaft miteinander verwoben sind, sich voneinander zu lösen trachten, sich bedingen und vorauszeichnen. Wer bin ich? Wo
finde ich meinen Platz? Welche Rolle bietet diese Welt mir an und will ich diese überhaupt ausfüllen? Grundsätzlich sind ihre Fragen an die Welt, und grundsätzlich ist ihr Kampf, eine Antwort zu finden.

 

Carol (Sabine Orléans) hat – so scheint es von außen – alles, was zu einem erfüllten Leben gehört: ein schönes Haus, umgeben von Pflaumenbäumen, einen sorgenden Mann und bald eine Tochter. Und doch ist und bleibt das Leben für sie eine erdrückende Last. Um ihrer Tochter willen verspricht sie, so lange zu bleiben, wie sie kann, und doch sieht sie schließlich keinen Ausweg, als ihrem Leben ein Ende zu setzen. Am 16. Geburtstag ihrer Tochter Anna begeht sie Suizid.

 

Anna (Amelle Schwerk), vom frühen Tod ihrer Mutter geprägt, befreit sich mühsam aus der Drogensucht, doch als sie auf der Suche nach Stabilität zurück in das Haus mit den Pflaumenbäumen zieht und selber Mutter einer Tochter wird, überrollt sie das Trauma und die Katastrophe wiederholt sich in ihr und sie nimmt sich das Leben.

 

Bonnie (Caroline Junghanns), mutterlos in der Stadt aufgewachsen, erbt neben einem Haus im Grünen eine Geschichte sich wiederholender Verzweiflung und sucht nach einem Umgang mit diesem drohenden Vermächtnis. Sie will den Kreislauf durchbrechen, der vererbten Last entkommen und fasst einen Entschluss, das Leiden auf ihre eigene Weise zu beenden. Sie bleibt am Leben und sieht sich selbst, der Welt und dem Familientrauma beeindruckend klar in die Augen.

 

Anatomy of a Suicide
Foto: Kerstin Schomburg
 

 

Wir schauen auf ein Geflecht von Frauen, die ohne einander nicht denkbar wären. Sie erschaffen und beeinflussen sich. Mütter und Töchter sind sie und treiben sich allesamt mit der Frage herum, was Mutterschaft bedeutet und was die Verantwortung, die sie damit eingehen. Freiheit ist für sie alle zentral. Doch wie frei kann man sein Leben in unserer Welt begehen? Ist ein Kind ein Grund, im Leben zu bleiben, weil ich durch dieses eine Liebe entdecke, die ungekannt ist, oder bindet es mich so stark, dass es mich hinaustreibt an die Ränder des Leb- und Denkbaren? Auch wenn Bonnie, die Jüngste, nicht wiederholt, was Mutter und Großmutter vollzogen haben, und weiterlebt, so ist auch sie Tochter und Produkt ihrer Familie. Nur geht sie mit diesem Erbe viel bewusster um und verschafft sich und ihren Bedürfnissen Raum, wo die anderen an der Enge der Welt scheiterten, in die Depression abglitten.

 

 

Strudel des Lebens

 

Die Auseinandersetzung der drei Frauen mit ihrer Umwelt ist groß, keine von ihnen entzieht sich ihr. Doch bleiben sie auch in gewisser Weise Betrachterinnen dieses Lebenszirkus. Immer wieder klinken sie sich ein, probieren das Leben aus – die eine exzessiver, die andere zarter –, doch in den Strudel des Lebens, der sie packt und trägt, geraten sie nicht. Einzig Bonnie hat einen Weg gefunden. Und es bleibt die Hoffnung, dass es ihr gelingt. Wie, das soll hier nicht verraten werden, doch weist vieles darauf hin, dass sie sich gleich einem Fluss durchs Leben treiben lassen könnte, bewusst und freudvoll.

 

Alice Birch schafft ein Epos: Sie erzählt von Depressionen, von Mutterschaft, von bestechend klaren Analytikerinnen des Lebens, vom Kampf mit Sehnsüchten und der Suche nach dem Ich. Sie montiert die Biografien raffiniert nebeneinander. In ihrer Textpartitur finden die Geschichten gleichzeitig statt. Es entstehen drei Zeittunnel, die ineinandergreifen, sich aufeinander beziehen und sich voneinander abstoßen. Birchs Komposition ruft dabei nicht nur den Gedanken hervor, dass die drei Frauen durch einander in der Sehnsucht nach dem Tod gefangen sind, sondern dass die gesellschaftlichen Strukturen gleichermaßen keine lebbare Alternative bereithalten und dass Freiheit ein immer wieder zu erkämpfendes Gut ist.

 

Birch lässt uns auf alle drei Frauen in ihren Zwanzigern treffen. Jede in ihrem Zeittunnel. Lilja Rupprecht, die den Abend inszeniert, lässt das zehnköpfige Ensemble über die Zeiten hinweg miteinander in Verbindung treten. Jede der Figuren lebt in ihrer Welt und dennoch ist der Text so genau konstruiert, dass sich die drei Frauen durch die Zeiten hindurch Antworten geben, befragen, stützen und berühren können. Sie sind da: ineinander und füreinander. Darin findet sich die Größe des Textes. Er ist Leben in der Mannigfaltigkeit der Facetten, der Trauer, der Liebe, der Lust, des Hungers, des Glücks. Die Spur der Depression und die Analyse, die er vornimmt, erschafft nicht ein Bild des Abgesangs und des Fluchs, den Familie in der Zersetzung und Unfreiheit der Prägung haben kann, sondern zeichnet eines des Fließens der Stimmen durch die Generationen, die in uns wohnen, die, wenn man sie hört und sich selbst in ihnen nicht verliert, auch Kraftzentrum sein können. Unentrinnbar ist das Gewebe, in das wir verwoben sind, doch wie wir damit verfahren und welche Wege entdeckt werden, welche Möglichkeiten unentdeckt und neu innerhalb dessen möglich sind – auch darauf stößt der Text und lässt uns hoffnungsvoll zurück.

 

Nora Khuon