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„Was, wenn wir uns alle täuschen?“

 

Das Schauspielhaus zeigt Bitch, I'm a Goddess nach der antiken Tragödie Bakkhai von Euripides in der Inszenierung von Guy Weizman als deutsche Erstaufführung. Der israelische Regisseur und Choreograf über die Verhärtung des Diskurses über Identität und Miteinander.

 

 

Ich liebe das Theater, weil ich es liebe, mich in Geschichten zu verlieren. Ich liebe Narrative jeder Art. Ich liebe die konkreten Geschichten über kindische, von Rache getriebene Gottheiten und ich liebe die konzeptuellen Geschichten über goldene Toilettenschüsseln. Ich liebe Horrorgeschichten und ich liebe die zarten. Ich liebe das Theater, weil es Welten aus Narrativen kreiert.

 

Das Bewusstsein der Menschheit setzt sich aus den gesammelten Narrativen zusammen, welche von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Legenden, heilige Schriften, epische Gedichte, Allegorien. Eine weitreichende Sammlung von Parabeln, die uns beibringen, wie wir „sein oder nicht sein“ sollen.

 

Ich liebe das Theater, weil es eine Vielzahl von Möglichkeiten erprobt, in der sich eine Geschichte entfalten kann. Weil es beweist, dass ein und dieselbe Geschichte in so vielen Arten und Weisen, von so vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden kann. Das Theater lebt von der unendlichen Vielheit der Menschheitsgeschichte. Es macht alle Geschichten bedeutend und wertvoll, es schafft Welten, es schafft Realitäten. Es erschafft etwas aus dem Nichts. Es erschafft Welten aus Welten.

 

Ich bin Theatermacher, ich glaube nicht an wahre und falsche Narrative. Meine Arbeit besteht daraus, jede Geschichte überzeugend und nachvollziehbar zu machen. Ich versuche, das Publikum richtig und falsch hinterfragen zu lassen, eine Öffnung zu schaffen, Zweifel zu säen. Was, wenn wir uns alle täuschen?

 

Als Mensch jedoch, erwische ich mich zu oft dabei, mit einer Seite der Wahrheit zu sympathisieren. Ohne große Zweifel, als ob ich genau wissen würde, was das Richtige zu tun ist. Obwohl ich weiß, dass eine Geschichte, die nur von einer Seite erzählt wird, nie vollständig ist.

 

Ich wurde als Sohn marokkanischer Eltern geboren, die einem 2000 Jahre alten Traum folgten: dem Traum im Heiligen Land begraben zu werden. Diese uralte jüdische Geschichte war für sie realer als die florierende Realität in Marokko, wo ihre Vorfahren die letzten 2000 Jahre gelebt hatten. Da ist sie, die Kraft des Narratives.

 

Sie träumten von dem Land, in dem Milch und Honig fließen, und stießen auf Rassismus. In Marokko waren sie die jüdische Minderheit in einem muslimischen Land, in Israel wurden sie die marokkanische Minderheit in einem jüdischen Staat. Von den ewig Eingeladenen in Marokko zu den Neuankömmlingen in Israel. Aus Menschen mit Stolz wurden legasthenische, unkultivierte Primitive, nur knapp eine Stufe über den palästinensischen Eingeborenen. Und in einer bizarren Wendung der Geschichte tauschten sie (über Nacht) die Angst, eine verletzbare Minderheit zu sein, mit dem gleichgültigen Selbstbewusstsein der lauten, unterdrückenden Mehrheit. Die Grundrechte ihrer palästinensischen Nachbarinnen und Nachbarn ignorierend. Sie übernahmen den Glauben des „Töten oder Getötetwerden“. Sie hielten sich an ihrem David-Narrativ fest, doch sie waren zu Goliath geworden.

 

Obwohl ich dem Krieg entkommen bin, kämpft in mir immer noch der Konflikt: Bin ich Araber oder Jude? Kann ich beides sein?

 

Hier in meinem neuen Heiligen Land – Holland – beobachte ich mich dabei, wie ich Gleichgesinnte suche: andere Künstlerinnen und Künstler, andere besessene Leserinnen und Leser, andere niederländische Jüdinnen und Juden. Aber nur, wenn ich eine:n meiner Arabisch sprechenden Schwestern oder Brüder treffe, fühle ich mich direkt zu Hause. 2000 Jahre des relativ friedlichen Miteinanders hatten doch einen Effekt auf unsere gesellschaftliche DNA.

 

Und dennoch, die Anspannung zu Beginn jeder Unterhaltung ist nicht auszuhalten: Bin ich ein „Pro-Palästinenser“-Israeli? Ist sie eine „offene“ Syrerin? Können wir einander vertrauen? Gestehen wir uns fünf Minuten Austausch zu oder begegnen wir uns mit der abstrakten Vorstellung von „Feindinnen“ und „Feinden“?

 

Dieser anfängliche Tanz ist zerbrechlich und gefährlich. Er kann in einem warmen Austausch oder in verschlossenen Türen enden.

 

 

Guy Weizman
Foto: Beeld Martijn Halie

 

 

Aber genug von meiner Geschichte, lassen Sie uns wieder auf die Gesellschaft schauen.

 

Das Problem ist, dass es das nicht gibt: das eine gemeinsame Narrativ. Es sei denn, wir meinen die dadaistische „Kakophonie“, gesungen von jeder Person, die je gelebt hat.

 

Und diese „Kakophonie“ ist so reich, so farbenfroh und wunderschön …

 

Aber wie viel Platz geben wir dieser „Kakophonie“ in unseren Theatern? Was passiert mit der Vielheit der Stimmen? Wen lassen wir Teil unserer theatralen Großfamilie werden?

 

Mein erster Vorsatz als Theatermacher ist: meine eigene Wahrheit über das, was Theater ist, zu hinterfragen. An meinem Narrativ zu zweifeln und nach neuen Geschichten zu suchen. Mich zu drehen, zu verändern und neue Formen zu finden. Meinen eigenen Geschmack andauernd neu zu definieren und als künstlerischer Direktor von NITE Groningen nach neuen Stimmen zu suchen, selbst wenn ich sie zu Beginn nicht verstehe.

 

Es gibt noch einen Punkt, auf den ich gern hinweisen würde: auf die Gefahr, die droht, wenn wir nichts infrage stellen.

 

Die Regeln jeglichen Aktivismus erzählen uns, dass wir ein Narrativ wählen müssen und es gegen andere Narrative verteidigen müssen. Ich kenne das Gefühl, auf der richtigen Seite der Moral zu stehen, und es fühlt sich großartig an. Als ob man in einem Superhelden-Film leben würde, als ob man die Welt retten würde. Als ob man dazugehören würde.

 

Ich weiß auch, was es heißt, auf der falschen Seite der Moral zu stehen. Es fühlt sich einsam an, peinlich und unsichtbar, kindisch.

 

Und das Einzige, was bestimmt, was richtig und was falsch ist, ist der Wind der „öffentlichen Meinung“, der auf dem dominanten Narrativ, dem Zeitgeist, beruht. Aber dieser Wind wechselt dauernd seine Richtung, und wendet sich leicht auch gegen dich …

 

Das ist eine ermüdende Diskussion, ich weiß. Aber es ist zurzeit die wichtigste, die wir haben, denn in unseren polarisierenden Zeiten werden wir aufgefordert, eine Seite zu wählen. Wähle ein Narrativ und arbeite an dessen Umsetzung! Wir Künstlerinnen und Künstler wollen auf die dringenden Fragen wie Klimakrise, Rassismus, Sexismus, Homo-Feindlichkeit, Zuwanderung, politische Unterdrückung auf der ganzen Welt (um nur einige zu nennen) reagieren. Und in unseren künstlerischen Auseinandersetzungen finden wir uns vermehrt in einem Klima ohne Dialog und ohne Fehlerbereitschaft wieder. Ein Klima, in dem niemand sich noch traut, irgendetwas zu sagen. Wir stecken alle auf der gleichen Seite der Moral fest. Doch alle sind verdächtig, alle angeklagt.

 

Political Correctness gehört nicht in die Kunst. Lasst uns offen miteinander sprechen und auf die Reaktion eingehen. Lasst uns zuhören. Lasst uns Fehler machen.

 

Vorsichtige Kunst ist tendenziös.

 

Mein zweiter guter Vorsatz: Ich weigere mich, Menschen zu canceln, einzuschüchtern oder zu exkludieren, die sich auf einen ehrlichen Dialog einlassen wollen. Mein Narrativ kann nie das einzige, nie das lauteste, nie das richtige sein.

 

Hört sich selbstgefällig an? Das liegt daran, dass ich noch nicht aufgegeben habe.

 

Narrative gestalten unsere Welt, aber genauso wie wir, die Geschichtenerzähler:innen, verändern sie sich, zögern sie und sind sie nicht konsequent. Theater als Kunstform ist der beste Beweis dafür, dass Narrative zeitlich begrenzt und fluid sind. Theater kann ein Vorbild für unser Leben sein: Es ist das Spiel des Gestaltens und Neugestaltens unserer Lesart von Geschichten. Theater ist die verspielte Übung, uns nicht einer einzigen Wahrheit zu verpflichten.

 

 


Auszug aus der Rede des Regisseurs Guy Weizman,
der zu diesem Thema im vergangenen September
beim Theaterfestival Amsterdam sprach.

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