Wir sind eine lernende Institution

Intendantin Sonja Anders im Gespräch über Macht und Hierarchie am Theater und die neue Anti-Rassismus-Klausel in der Betriebsvereinbarung

(Stand: 07.05.2021)

 

Sonja Anders
Foto: Katrin Ribbe
 

 

In Deutschland ist derzeit eine sehr lebendige Debatte über rassistische Strukturen an Theatern im Gange. Wie geht das Schauspiel Hannover mit dem Thema konkret um?

 

In diesem Monat haben wir unsere Betriebsvereinbarung für Partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz um das Problemfeld Rassismus erweitert. Diese Ergänzung fußt auf einem produktiven, gründlichen Prozess. Wobei ich sagen kann, dass unsere Betriebsvereinbarung schon bevor ich hier 2019 anfing sehr fortschrittlich war. Ein so großer Betrieb wie die Staatstheater Hannover mit rund 1000 Mitarbeitenden braucht umfassende Instrumente, damit die unterschiedlichen Abteilungen und ihre Mitarbeitenden erreicht werden. Schließlich ist die Verantwortung, die jede:r für das Betriebsklima übernimmt, die stabile Basis für gutes Zusammenarbeiten. Und da ist Hannover schon sehr weit.

 

 

Wer hat die Vereinbarung entwickelt? Waren die Mitarbeitenden dabei eingebunden?

 

Erarbeitet wurde der Zusatz zur Betriebsvereinbarung in Zusammenarbeit mit unserer Agentin für Diversität, dem Betriebsrat und Vertreter:innen der Belegschaft. Wir fanden dies nötig, da Diversität eines unserer Kernanliegen ist und ein antirassistischer Umgang damit einhergehen muss. Dabei ist wichtig, das Bewusstsein für rassistisches Verhalten zu schärfen, uns alle zu sensibilisieren. Natürlich geht es auch um Konsequenzen nach Fehlverhalten sowie um Schutzkonzepte für Betroffene. Was selbstverständlich und logisch klingt, muss diskutiert, verschriftlicht, verstetigt und dann aber auch gelebt werden. Papier ist geduldig, und eine Betriebsvereinbarung greift nur, wenn sie in jeden Winkel des Hauses getragen wird, wenn verpflichtend an dem Thema gearbeitet wird, durch Aufklärung und praktische Arbeit.

 

 

Häufig wird kritisiert, dass die Theater nach außen aktionistisch auftreten, aber intern das Thema Rassismus einfach an eine:n Diversitätsagent:in delegieren.

 

Die Gefahr besteht ohne Zweifel, allein schon deshalb, weil die Mitarbeitenden im Theater sowieso viel arbeiten und es kaum noch Kapazitäten für weitere Aufgaben gibt. Es ist aber eine Mehrarbeit, die für die Theater auf Dauer überlebenswichtig ist und für die anderes hintenanstehen muss, finde ich. Wenn die Theater nach außen diverser erscheinen wollen, dann müssen sie an ihren Strukturen arbeiten und Rassismus auch im Inneren bekämpfen. Ansonsten wird Diversität zum Feigenblatt. Ich bin froh, dass wir in Hannover dabei von Leyla Ercan, unserer Agentin für Diversität unterstützt werden. Sie ist Beraterin und Mitarbeiterin in einer Person und leistet Ungeheures. In den letzten zwei Jahren hat sie zahlreiche Workshops, Gesprächsrunden und Vortragsreihen organisiert und uns angeregt, so einiges zu verändern. Gerade jetzt bietet sie eine 12-wöchige Weiterbildungsreihe unter dem Titel „Diversity works“ für alle Mitarbeitenden an. Das ist mitunter anstrengend und nicht immer von Erfolg gekrönt, es handelt sich vielmehr um einen langen und steinigen Weg. Positiv ausgedrückt könnte man auch sagen, es ist ein Prozess, der uns einem ersehnten Ziel näherbringt.

 

 

In welchen weiteren Bereichen sehen Sie die Notwendigkeit, etwas zu verändern?

 

Natürlich ist Rassismus eng geknüpft an die Themen Sexismus und Klassismus und jeglichen Machtmissbrauch. Diese Koinzidenz macht es nicht leichter. Genau wie in unserer Gesellschaft, poppen diese Baustellen natürlich auch bei uns im Theater auf. Es nützt jedoch nichts, wir müssen diese Dinge jetzt anpacken.

 

 

Jetzt mal ganz konkret: Welche Instrumente haben Sie, um Betroffene zu schützen?

 

Die Instrumente für eine machtkritische und antirassistische Praxis sind im Prinzip bereits angelegt, sie müssen nur ergänzt und vor allem auch gelebt werden! Dazu gehören verpflichtende Workshops und ein:e Konfliktbeautragte:r, aber auch die schon angesprochene Agentin für Diversität oder andere Vertreter:innen wie Ensemblevertretungen, Betriebsrat, Aufsichtsrat, Themis oder das Ensemblenetzwerk – sie alle können genutzt und jederzeit ergänzt werden. Dazu gehört zum Beispiel auch eine Mitarbeitenden-Befragung, die wir gerade durchgeführt haben und an deren Ergebnissen und Folgen wir noch länger sitzen werden. Ich finde, es kann nicht genug Ansprechpersonen, Hilfe, Schutzräume geben für von Diskriminierung betroffene Personen. Ob nun intern oder extern. Wir müssen zuhören, Rücksicht nehmen, Angebote machen.

 

 

Neben den fest angestellten Mitarbeiter:innen arbeiten jedes Jahr zahlreiche Regieteams und freie Künstler:innen am Haus – wie lassen sich da verpflichtende Verhaltensregeln durchsetzen?

 

Im Grunde entfaltet so eine Rassismus-Klausel erst in der Praxis ihre Wirksamkeit. Meist ist das kein leichtes Unterfangen. Ein aktuelles und aufreibendes Beispiel für die Anwendung der dort aufgeführten Konsequenzen und Maßnahmen ist die Produktion Öl der Erde, die einen Regisseur hat, der in Zusammenhang mit Rassismus-Vorwürfen steht. Armin Petras, das ist sicher vielen bekannt, hat vorletzte Spielzeit an einem anderen Theater während der Probe einen Schauspieler verbal rassistisch verletzt. Nach dem Bekanntwerden dieses Falls sind wir nun das erste Haus, an dem er arbeiten sollte.

 

 

Wie sind Sie in diesem Fall vorgegangen? Wäre es nicht konsequent gewesen, einen solchen Regisseur gar nicht mehr zu engagieren?

 

Natürlich wäre diese Lösung die einfachste gewesen und Armin Petras hat uns tatsächlich angeboten, unsere Verabredung für die Inszenierung aufgrund des Politikums zu lösen. Noch waren die Proben nicht gestartet und es wäre lautlos gegangen. Aber ich wollte über die Sache mit ihm sprechen, wollte erfahren, wie er sein Verhalten von damals heute sieht, welche Position er vertritt. Man braucht ja immer eine gemeinsame Grundlage, um miteinander arbeiten zu können. Und natürlich gab es Gespräche mit dem Ensemble der Produktion, mit der formulierten Möglichkeit, die Produktion nicht stattfinden zu lassen, wenn es keine Bereitschaft zu einer Zusammenarbeit gibt. Auch unsere Diversitätsagentin war eingebunden in den Prozess, begleitet ihn bis heute. Die Haltungen waren selbstverständlich nicht einheitlich, Emotionen und Gedanken verschieden, die sich daraus ergebenden Gespräche grundsätzlich. Das Ensemble hat schließlich das Interesse an einem persönlichen Dialog mit dem Regisseur formuliert. Dieser hat sich befragen lassen, hat sich erklärt, und offen gezeigt für jegliche Maßnahmen – und am Ende des Gesprächs stand erneut die Frage: Wollen wir es versuchen oder nicht? Es wurde sich dafür entschieden. Und zwar deshalb, weil das Potential gesehen wurde, Arbeitsweisen zu überprüfen, zu lernen und das gemeinsam. Jetzt schauen wir, wie es weiter geht, und reflektieren und sprechen regelmäßig.

 

 

Unserer Gesellschaft, insbesondere der weißen Mehrheitsgesellschaft, wird ein struktureller Rassismus attestiert. Auch große Institutionen wie ein Staatstheater bilden da keine Ausnahme. Ist das nicht entmutigend?

 

Das Problem des Rassismus liegt tiefer als die vermeintlichen „Einzelfälle“ uns nahelegen. Menschen tragen rassistische Verhaltensmuster in sich und reproduzieren diese unbewusst – ich nehme mich nicht aus. Auch wenn es leichter wäre, sollte man dieser Tatsache nicht ausweichen. Wir begreifen das Schauspiel Hannover als lernende Institution, uns als lernende Mitarbeitende und ahnen doch, dass es ein weiter Weg ist, bis das Ziel eines diskriminierungsfreien Hauses erreicht ist. Solange sind die Critical-Whiteness-Workshops, an denen jetzt auch Armin Petras teilnimmt, mehr als sinnvoll. Ich kann sie nur allen empfehlen.

 

 

Es klingt so, als würden Sie alles richtig machen. Oder gibt es auch mal Fehler?

 

Oh, viele Fehler! Wir scheitern ständig! Aber wer nicht? Es geht doch im Leben darum, aus Fehlern zu lernen. Nur so können wir wachsen, etwas herauszufinden über uns selbst, frei werden. Ich bin Fan gelebter Fehlerkultur, denn ohne die gibt es keine Entwicklung.

 

 

In den Medien haben sich zuletzt viele Betroffene zu Wort gemeldet, aber die Verantwortlichen bleiben häufig still. Öffentliche Solidarität und eine klare Positionierung – kommt das manchmal zu kurz?

 

Armin Petras hat in einem Interview mit der TAZ – das an einem der nächsten Wochenenden veröffentlicht wird – seine Position dargelegt. Wir waren bisher definitiv zu dezent in Fragen der Positionierung zum Thema Rassismus. Auch in Fragen veröffentlichter Solidaritätsbekundungen. Ich möchte hier noch mal betonen, dass meine Solidarität in der Kausa Petras voll und ganz bei dem Schauspieler Ron Iyamu liegt. Wir dachten bis vor kurzem, es reicht, wenn wir als Statement gemeinsam Utopien auf der Bühne abbilden, durch gemeinsames Erzählen Empowerment betreiben. Das glaube ich nicht mehr. Es ist an der Zeit, sich zu rassistischen Vorfällen zu äußern und zu so kruden Meinungen wie der von Bernd Stegemann (FAZ 09.04.2021), der vertritt, dass Kunst die Demütigung anderer rechtfertige. Das bezweifle ich sehr.

 

 

Wie nehmen Sie persönlich die aktuelle Debatte wahr?

 

Mein erster Critical Whiteness Workshop ist jetzt sechs Jahre her, er war für mich bedeutsam – aber seitdem gibt es eine rasante Entwicklung dieses gesellschaftlichen Diskurses. Das ist gut so. Nur trägt weder Corona, noch die Digitalisierung dazu bei, darüber direkt in den Dialog zu gehen. Ich bin froh, wenn die Theater wieder öffnen und wir dort auch mal streiten können. Über Rassismus, über Kunst, über Machtfragen und auch über diese heiklen Themen wie Identität oder die Kultur des Cancelns … Wichtig ist: Zuhören, zuhören, zuhören! Und reden, reden, reden! Sich und die eigene Perspektive hinterfragen – und trotzdem Fakten schaffen!

 

 

Den großen Stadt- und Staatstheatern wird vorgeworfen, sie würden altmodisch und hierarchisch wie Fürstentümer geleitet. Wie ist Ihr Führungsverständnis als Intendantin?

 

Das wäre ein eigenes Thema, das zu diskutieren mir sehr am Herzen liegt. Dazu gerne später einmal ausführlich. Aber natürlich müssen wir uns gerade jetzt fragen, auch in Zusammenhang mit den besprochenen Fragen, wie gerecht unsere Gesellschaft ist, wie gerecht das Theater. Und müssen darüber nachdenken, wie Fairness, Transparenz und Teilhabe ermöglicht werden könnten. Ich mag die Vision eines Theaters, das nach Team-Organisation und Kooperation strebt. Es liegt Bewegung in der Luft, was eine neue Führungskultur angeht, in Richtung Öffnung und Kollegialität. Wie wollen wir uns in Zukunft strukturell aufstellen? Wie wollen wir in den Städten vorkommen? Lauter spannende Fragen.