Eine mutige junge Frau und ein Prinz auf Augenhöhe

Ein Gespräch mit Aschenputtel-Regisseurin Swaantje Lena Kleff

 

Swaantje Lena Kleff inszeniert das Familienstück Aschenputtel im Schauspielhaus. Dabei entwickelt sie eine moderne Version des bekannten Märchens. Dramaturgin Melanie Hirner sprach mit der Regisseurin über Märchenstoffe und ihre Wurzeln in Hannover.

 

 

 

Wie kam es für dich zu der Auswahl dieses Stoffes, warum gerade ein Märchen?

 

Swaantje Lena Kleff: Wenn ich mich recht erinnere, kam der ursprüngliche Vorschlag, Aschenputtel als das diesjährige Familienstück zu machen, aus der Dramaturgie des Staatstheaters Hannover und nicht von mir. Ich selbst habe den Stoff nicht unbedingt mit mir herumgetragen, um ehrlich zu sein. Das soll aber nicht abschwächen, wie sehr ich den Stoff mag, ich bin natürlich auch mit dem Märchen aufgewachsen. Es war für mich nur nicht der erste Stoff, der mir beim Thema „Familienstück“ in den Sinn kam, also wurde ich dazu inspiriert.

 

Grundsätzlich genieße ich den Prozess total, sich zusammen mit den jeweiligen Dramaturg*innen und Theaterpädagog*innen für ein Familienstück zu entscheiden. Und ich genieße das so sehr, weil so sehr unterschiedliche Fantasien aufeinanderprallen, was ein Familienstück sein kann – oder was es eben nicht sein sollte. In diesem Prozess schlagen wir uns gegenseitig Stoffe vor, es werden viele Texte gelesen und damit geprüft und viele werden anschließend auch wieder zur Seite gelegt. Man diskutiert dabei, was einem wichtig ist, und ganz am Ende kommt man dann irgendwann auf einen gemeinsamen Nenner und in unserem Fall war das dann schließlich Aschenputtel. Gereizt hat mich an dem Stoff (und das reizt mich grundsätzlich an vielen Märchenstoffen), dass man sich auf vermeintlich ausgetretenen Pfaden befindet und dennoch versucht, diesen Stoffen einen neuen Zauber zu geben. Bzw. geht es darum den Grundzauber beizubehalten, aber dennoch das Märchen in ein neues Gewand zu kleiden.

 

Wir wollen unseren Zuschauer*innen zeigen, dass Aschenputtel eben (buchstäblich in unserem Fall) nicht ein ausgelatschter Schuh ist, sondern, dass es auch mit unserer heutigen Zeit zu tun hat, dass Märchen eben auch hochaktuell sein können. Was mich besonders reizt an dem Stoff (und das zieht sich durch viele Familienstücke, die ich gemacht habe) ist, dass eine starke Frau im Zentrum steht. Es ist mir wichtig, dass junge Frauen, (und natürlich auch junge Männer) die Möglichkeit haben, starke, komplexe, vielschichtige Frauenfiguren auf der Bühne zu sehen. Im Abendspielplan genauso wie im Kinder -und Jugendspielplan.

 

 

 


Swaantje Lena Kleff
Foto: Kerstin Schomburg
 

 

 

Und warum gerade Aschenputtel? Wirkte der Stoff nicht auch herausfordernd auf dich, in Bezug darauf, was man damit verbindet? Disney, Prinzessinnen, Bilder von Traumprinzen, schüchternen Mädchen und Happy Endings mit großer Hochzeit ... alles Assoziationen, die mit diesem Märchen verbunden werden, die seine Erzählkraft aber nicht ausschöpfen.

 

Swaantje Lena Kleff: Nachdem wir uns für den Aschenputtel-Stoff entschieden haben, haben wir bestimmt um die 10-15 bereits existierende Fassungen gelesen. Nur um uns dann dafür zu entscheiden, eine eigene Fassung zu schreiben. Und diese Entscheidung kam im Grunde genommen durch eine sehr starke Sehnsucht meinerseits, die Geschichte auf eine Art und Weise zu erzählen, die sich nicht ganz so stark anhand dieser bekannten Verfilmungen abhandelt, in diesen wohlgemerkt wunderschönen und vollkommen berechtigten filmischen Erzählungen, werden ja doch bestimmte Klischeebilder von Prinzessinnen, von Traumprinzen, von schüchternen Mädchen mit Asche im Gesicht, von Happy Ends mit großen Hochzeiten erzählt. Und das sind auch wie gesagt Dinge, die ich grundsätzlich schön finde, das sind auch Filme, die ich selbst gesehen habe und teilweise immer noch schaue. Aber mein Interesse geht weiter, ich will den Kern von Aschenputtel weiterhin erzählen, aber dann diese Erwartungen, die diese berühmten, großen Filme eventuell schüren, auch wieder mit einem Augenzwinkern brechen. Und das schien mir dann mit dem Schreiben einer eigenen, auf uns zugeschnittenen Fassung am einfachsten.

 

 

 

Wie war denn die Schreibarbeit an der Fassung für dich?

 

Swaantje Lena Kleff: Das Fassungsschreiben ist eine große Hass-Liebe in meinem Leben. [lächelt] Einerseits liebe ich es Fassungen zu schreiben, insbesondere für das Familienstück, weil ich ja nur Szenen schreibe, die ich Monate später auch gerne inszenieren möchte. Andererseits ist das auch genau der Grund, warum ich das Fassungenschreiben hasse, weil ich natürlich auch nur Szenen schreiben kann, die ich später dann inszenieren möchte, das soll heißen: Es dauert manchmal ganz schön lange bis ich dann eine Szene geschrieben habe, die mir auch wirklich gefällt. Bis ich die richtigen Worte gefunden habe, sitze ich manchmal auch einen halben Tag vor einer leeren Seite und überlege, wie ich den Einstieg in die Szene finde und kann da auch keine Platzhalter lassen, sondern muss genau das richtige Wort, den richtigen Satz finden, bis ich weiterschreiben kann.

 

Der Schreibprozess bei Aschenputtel entwickelte sich so, dass ich, nachdem ich mit der Produktionsdramaturgin darüber gesprochen und wir verschiedene Stationen der Geschichte gemeinsam festgelegt hatten, anfing zu schreiben. Ich skizziere Szenen zuerst an, ich überlege mir dabei, welche Figuren ich stärken möchte und welche Figuren tatsächlich auch Randfiguren sind. Zum Beispiel gibt es in unserem Aschenputtel nicht nur eine Hauptfigur, das war mir sehr wichtig. Es geht nicht nur um die Figur des Aschenputtel, sondern auch um die Figur des Prinzen. Ich würde fast behaupten, dass unser Prinz genauso wichtig ist in unserer Version der Geschichte, wie Aschenputtel selbst. Normalerweise ist der Prinz ja oft in einer sehr eindimensionalen Weise dargestellt. Er spaziert meist als Figur lediglich etwas eitel (und nicht sehr helle) durch die Geschichte, aber auf diese Wiese wollte ich das Märchen nicht erzählen!

 

Ich wollte einen Prinzen schaffen, der ähnliche Probleme wie Aschenputtel hat, obwohl er aus einer anderen Welt kommt als sie. Er hat, genau wie sie, sein Päckchen zu tragen und in der Begegnung mit Aschenputtel wächst er, er verändert sich und wird schließlich erwachsen.

 

Das ist etwas, wie ich finde, was unsere Fassung von anderen Versionen der Geschichte, insbesondere den Verfilmungen, unterscheidet. Es ist zwar Aschenputtel, die im Zentrum ist, aber ihr zur Seite steht ein Prinz, der diese zentrale Rolle in der Geschichte mit ihr teilt und ihr auf Augenhöhe begegnet.

 

 

 


Aschenputtel
Foto: Kerstin Schomburg
 

 

 

Hast du ein besonderes Anliegen, wenn du Familienstücke inszenierst, etwas, dass du so vielleicht anders in „Erwachsenenstücken“ machen würdest?

 

Swaantje Lena Kleff: Mein grundlegendes Anliegen, wenn ich Theater mache, ist, mein Publikum abzuholen. Das ist natürlich, wenn ich Theater für „Erwachsene“ mache, ein wenig anders, als wenn ich Theater für Kinder, Jugendliche, oder Familien mache. Theater für Kinder und Jugendliche mag ich dann, wenn es unmittelbar an deren eigene Erlebniswelten andockt. Und na klar, Theater hat immer etwas mit unserer gegenwärtigen Realität zu tun, aber im Fall von Familienstücken, mag ich es sehr, wenn man eine Geschichte in dem Gewand einer Parabel oder eines Gleichnisses oder eben eines Märchens erzählen kann, als Kommentar auf unsere Realität.

 

Kinder und Jugendliche sind im besten Sinne ein wunderbar anspruchsvolles Publikum und deshalb ist die grundsätzliche Herangehensweise an ein Familienstück nicht sehr anders von jene an ein Stück für den Abendspielplan. Ich finde es fatal, wenn Menschen glauben, wenn man nur Kinder und Jugendliche als Publikum hat, solle man ästhetisch oder inhaltlich die Dinge reduzieren, um also nicht allzu komplexe Sachverhalte zu verhandeln. Das stimmt so einfach nicht, denn Kinder sind ein wunderbar anspruchsvolles Publikum. Du kannst Kindern nicht einfach nur ein paar Pappkartons auf die Bühne stellen und annehmen, dass sie das vom ästhetischen Gesichtspunkt her zufrieden stellt. Ich möchte kein Theater machen, das unterkomplex ist. Kinder werden oft unterschätzt in dieser Hinsicht und das möchte ich mit meinem Stück auf keinen Fall tun.

 

 

 

Wie war (und ist) es für dich unter diesen aktuellen Bedingungen zu Proben, wo wir alle den Corona-bedingten Schutzmaßnahmen Rechnung tragen müssen?

 

Swaantje Lena Kleff: Das Gute ist, dass wir die Fassung schon unter Berücksichtigung der Corona-bedingten Schutzmaßahmen geschrieben haben und diese dabei im Hinterkopf hatten. Ich habe von daher Szenen konzipiert, die sich auf Abstand spielen lassen. Das erleichtert natürlich das ganze enorm.

 

Ich möchte auch gar nicht sagen, dass jetzt Corona kontinuierlich wie ein Damoklesschwert bei uns über den Proben hängt. So wie wir unsere Geschichte erzählen, dass Aschenputtel aus einer sehr bodenständigen Welt kommt und der Prinz aus einer höfischen Welt, brauchen wir das auch in gewisser Weise gar nicht so stark, dass die beiden aufeinander zugehen oder einander anfassen. Wir können ihnen dabei zusehen, wie sie sich langsam annähern und deshalb können wir recht einfach mit räumlicher Distanz spielen, ohne dass es statisch wirkt oder stark auffällt.

 

Heute zum Beispiel haben wir eine Szene geprobt: Aschenputtel und der Prinz müssen unter einem Baum Schutz suchen, weil es stürmt und regnet. Beide unterhalten sich dabei über Privilegien, die der Prinz hat, und darüber, was es bedeutet, dass man nur über seinen Status oder über das Äußere definiert wird. Und eigentlich war von mir in der Fassung angemerkt, dass Aschenputtel und der Prinz sich an dieser Stelle zu einem Kuss nähern, obwohl ich bereits während des Schreibens dieses Satzes wusste, dass dieser Kuss nicht möglich sein wird. Als wir das heute geprobt haben, haben wir gemerkt, dass es vollkommen ausreicht, dass lediglich die Fingerspitzen der beiden sich einander annähern und das war bereits wunderbar sinnlich und schön, auch ohne dass sich da irgendwelche Körper tatsächlich berührt haben. Das war wahnsinnig berührend. Das hat mich sehr überrascht!

 

 

 

Du kommst ja aus Hannover, wie ist denn eigentlich deine Verbindung zum Schauspiel Hannover?

 

Swaantje Lena Kleff: Genau, da ich ja selbst Hannoveranerin bin, ist meine Verbindung zu Hannover ist eine sehr persönliche. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und habe hier mein Abitur gemacht. Mit 18 habe ich ein FSJ Kultur am Schauspiel Hannover gemacht, damals noch unter Wilfried Schulz. Zu meinen Aufgaben damals zählte es z.B., dass ich Führungen durch das Schauspielhaus gegeben habe, ich habe aber auch ein Praktikum in der Requisite, eine Regiehospitanz sowie eine Kostümassistenz absolviert. Meine allerersten Berührungspunkte mit dem Theater haben also hier in Hannover als Zuschauerin und als Jahrespraktikantin begonnen, am Schauspiel. Ich glaube, meine Mutter hat auch noch irgendwo einen Zeitungsartikel aus der HAZ, in der das FSJ Kultur vorgestellt wurde. Ich war damals der zweite Jahrgang, der das machen konnte, das war damals etwas ganz Neues. Das klingt total kitschig, aber die Tatsache, dass ich jetzt in Hannover „nach Hause“ kommen darf, an den Ort, wo alles angefangen hat, das bedeutet mir sehr viel!