Interview

Gemeinsame Kindheit, gemeinsame Zukunft, gemeinsame Hoffnung

 

 

Das Fest ist der erste nach den Regeln der dänischen Gruppe Dogma 95 produzierte Spielfilm. Im Januar bringen wir den Film in einer neuen Theaterfassung erstmals auf die Bühne im Schauspielhaus. Die Dramaturg:innen Lovis Fricke und Mazlum Nergiz sprachen mit Regisseur Stephan Kimmig, Kostümbildnerin Sigi Colpe, Schauspielerin Amelle Schwerk sowie Schauspieler Lukas Holzhausen über die Familie als Katastrophe und Möglichkeit des Neuanfangs.

 

 

 

Stephan, ihr habt gerade mit den Proben für Das Fest begonnen. Worum geht es?

 

Stephan Kimmig: Es geht um ein Fest, der Patriarch der Familie wird 60 Jahre alt, ein sehr erfolgreicher Hotelier. Alle treffen sich wieder, das Fest läuft aus dem Ruder. Nicht wie die üblichen Feste – weil ja die meisten Feste aus dem Ruder laufen – in diesem Fall ist es so, dass sich Zwillingstochter Linda vor drei Wochen umgebracht hat und der andere Teil des Zwillingspärchens, Christian, auf diesem Fest eine Rede hält, die darin mündet, dass er beschreibt, wie sein Vater ihn und seine Schwester missbraucht hat als sie Kinder waren. Das schlägt natürlich ein wie eine Bombe und die familiären Zusammenhänge werden aufgesprengt.

 

 

Interessant ist, dass lange Zeit niemand Christian glaubt, nachdem er relativ zu Beginn des Stücks seine Rede hält.

 

Stephan Kimmig: Es wird überspielt. In der Familie gibt es verschiedene Wunden, die es zu bewältigen gilt. Und damit auch verschiedene Realitäten, die es zu verarbeiten gilt. Und so eine Wahrheit, die Christian formuliert, an sich heranzulassen, heißt zum Beispiel für die anderen Geschwister Helene und Michael, Dinge in ihrem Leben anzuerkennen, die sie vielleicht nicht wahrhaben möchten. Michael ist extrem gefährdet und hat überhaupt keinen Mittelpunkt. Helene geht es ähnlich. Sie können zu Beginn noch nicht glauben, dass sich ihre Schwester Linda umgebracht haben soll, weil ihr Vater sie missbraucht hat. Sonst würden zu viele ihrer Lebenslügen ins Kippen geraten. Dafür sind sie am Anfang noch gar nicht reif, das braucht seine Zeit.

 

 

Es geht also um die Art und Weise, wie mit dem Vorwurf umgegangen wird, in diesem Fall zunächst den Schein zu wahren?

 

Amelle Schwerk: Ja, um die Aufrechterhaltung eines Systems, das schon längst Risse hat: Alle beteiligen sich daran, die einzelnen Streben festzuhalten, sodass es nicht zusammenbricht. Das Konstrukt muss um jeden Preis aufrechterhalten bleiben.

 

Stephan Kimmig: Ich glaube, dass alle Menschen permanent verdrängen und sich ihre eigenen Wahrheiten und Wirklichkeiten bauen in dem Umfeld, das sie zur Verfügung haben, und da Tag und Nacht dran schrauben.

 

 

Wirklichkeiten bauen, das ist sehr spannend in diesem Zusammenhang. Welche Wirklichkeit hat sich Helge, der Vater, gebaut? Lukas, das ist deine Rolle.

 

Lukas Holzhausen: Ich glaube schon, dass ein Teil des Stücks sich genau darum dreht: dass es über viele Jahre den Missbrauch an den zwei Kindern gab. Das hat stattgefunden. Und für Helge geht es darum, die Kontrolle darüber zu behalten, diese Wirklichkeit einzuhegen, dass nicht zu viel nach außen dringt. Er setzt eine andere Erzählung durch: dass nämlich Christian einen sehr labilen Charakter und eine lange Geschichte von Klinikaufenthalten hat. Wir alle versuchen uns ja eine Geschichte über unser eigenes Dasein zu erzählen, die wir dann für die Wahrheit halten. Ich denke, dass Helge aber genau weiß, dass es mehrere Wahrheiten gibt, mit denen er jongliert, und das ist seine Methode der Kontrolle. Und es scheint zumindest so, als ob Michael und Helene tendenziell auf der Seite des Vaters sind. Entscheidend ist sicher, dass Helge vermögend ist und es auch eine materielle Abhängigkeit gibt.

 

 

Spielt dieses Netz von Abhängigkeiten auch im Kostümbild eine Rolle, Sigi?

 

Sigi Colpe: Ja, im Grunde gibt es eine Farbklammer. Beim Kostümbild ist der Ansatz eine lebensbejahende Buntheit, gegenläufig zu dem, was da die ganze Zeit unterschwellig an Zerstörung längst stattgefunden hat. Es ist der Wunsch von all diesen jungen Erwachsenen, individuell Lebensbehauptung zu schaffen. Wie fragil aber so ein Versuch von Selbstbestimmung eigentlich ist, zeigt sich, wenn man sich wieder als Gruppe trifft. Die Familie kommt für den Geburtstag zusammen und alle stellen fest, egal wie individuell dieses Kostüm auf die jeweiligen Charaktereigenschaften der Personen hin ausformuliert ist, finden sich alle in diesem Farbrahmen der Familie wieder, in dieser Klammer, der sie eigentlich nie so richtig entgangen sind.

 

Lukas Holzhausen: Wovon es meiner Ansicht nach auch handelt, ist die Camouflage, die Tarnung. Das Grauen hinter der Fassade zu verstecken. Deswegen finde ich es auch toll, dass wir eher fröhliche Kostüme haben. Dass wir nicht sofort ins Bild gießen, was darunterliegt. Das macht ja Täter so gefährlich und es ist auch ein Grund, warum wir uns für dunkle Geschichten so interessieren, als Zuschauer, als Leser. Wir wollen erfahren, wie das Destruktive funktioniert, um uns wappnen zu können. Mit der Tarnung verbunden ist ja auch ein bestimmter Mechanismus von Macht: Ich mache die Regeln, aber ich ändere sie jede Minute. In dem Moment, wo ein System zu lange gleichbleibt, ist die Möglichkeit, sich zu wehren, viel größer.

 

Amelle Schwerk: Das ist bei Diskriminierungen oft so, dass die Betroffenen erst dann wirklich in eine Macht kommen, wenn diejenigen, die nicht betroffen sind, sagen: Ich verbünde mich mit dir. Christian schießt sich zunächst mit seiner Rede über die Taten ins Aus. Dass aber jemand wie Helene, die nicht direkt betroffen ist, Christians Geschichte beglaubigt und das Risiko eingeht, macht es erst richtig stark.

 

Stephan Kimmig: Die Geschichte der Zerstörung einer Familie oder von Beziehungen findet statt, wird aber nicht als das große Ereignis durchexerziert. Es geht uns vielmehr darum, das Leben als lebendiges Leben zu zeigen: in vielen körperlichen Szenen, in Tanz und Bewegung, aber auch psychologisch in Situationen, wo das Leben gefeiert wird. Immer als Alternativentwurf zum Schmerz, zum Suizid.

 

Amelle Schwerk: In der letzten Szene entsteht zwischen den Geschwistern das erste Mal eine reale Nähe, in einer gemeinsamen Erinnerung an etwas in der Kindheit, das tatsächlich passiert ist. Und das führt sie weg von dem Schlimmen hin zu: Wir hatten eine gemeinsame Kindheit, wir haben eine gemeinsame Zukunft über eine neue Annäherung, ein tatsächliches Interesse aneinander.

 

Sigi Colpe: Die Kinder sind zuvor so etwas wie ein Eigentum von Helge, das war der Ansatz, von dem wir ausgegangen sind. Er kann über sie verfügen und wenn ich über einen Menschen so weit verfügen kann wie über einen Besitz, in dem Moment habe ich ihn quasi versachlicht. Deshalb geht es um die Hoffnung, sich sagen zu können: Wir haben es benannt, wir haben für uns feststellen können, dass das stattgefunden hat, und jetzt können wir auf Augenhöhe beginnen und sagen: Nein, die Hoffnung ist da, wir können tatsächlich Mensch werden. Jetzt, am Ende des Stücks.

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