Interview

„Am Ende kommt es darauf an, wer die meiste Kohle hat?“

 

Im Schauspielhaus wird der Volksfeind nach Henrik Ibsen gezeigt. Mit Anja Herden in der Rolle der Doktorin Stockmann. Der Dramaturg Hannes Oppermann sprach mit der Schauspielerin über gefährliche Selbstzufriedenheit, den Thrillfaktor von Ibsen und die Macht des Geldes.

 

 

 

Die Dramen von Henrik Ibsen sind eine feste Größe auf deutschen Bühnen. Was löst der Name Henrik Ibsen bei dir aus?

 

Anja Herden: Wenn ich Ibsen höre, muss ich erst mal an Ingmar Bergman und Woody Allen denken. Beide, meines Wissens, bekennende Ibsen-Fans, haben Filme gemacht, in denen Familien- und Gesellschaftsstrukturen zentrale Themen sind. Woody Allen zum Beispiel garniert das Entlarven bürgerlicher und bourgeoiser Fassaden immer auch mit dem ihm eigenen Humor, aber sein Blick auf das Bürgertum ist ähnlich erbarmungslos wie bei Ibsen.

 

 

Im „Volksfeind“ entdeckt die leitende Doktorin des örtlichen Kurbads, dass das Heilwasser vergiftet ist, und will diese Erkenntnis veröffentlichen. Doch die Presse und der Bürgermeister des Ortes verhindern dies. Du spielst die Hauptfigur der Doktorin Stockmann. Wir stehen zwar noch am Beginn der Proben, aber wie würdest du sie charakterisieren?

 

Anja Herden: Mich treiben gerade noch viele offene Fragen um. Zunächst natürlich: Was ist das überhaupt für eine Frau, die zwischen Idealismus, Karriere, Familie und Wahrheitswahn hin und her rast? Aber auch: Wie inszeniert sich so ein Mensch im Alltag – wie inszenieren wir alle uns im Alltag? Ist mir diese Frau nahe? Verliert diese Frau Stockmann ihr Ziel im Laufe der Geschichte aus den Augen oder entdeckt sie es eigentlich erst? Gerade habe ich mit Anja Rabes, der Kostümbildnerin, darüber gesprochen, wie sich diese Betty Stockmann kleidet und welche Botschaft sie damit sendet. Ist ihr ihr eigenes „Frau-Sein“ wichtig? Ich frage mich auch, was das für eine Ehe ist und was ihre Position darin über sie erzählt. Sie ist in der Beziehung scheinbar das Kraftzentrum, dominant und fokussiert. Ihr Mann Uwe bildet den emotionalen Gegenpol. Sind diese beiden Menschen glücklich in dieser Konstruktion? Betty Stockmann befindet sich in einer sehr Ich-bezogenen Lebensphase und ist gerade sehr zufrieden mit ihrem ganz persönlichen „Stand der Dinge“ ... Und gerade dann geraten die Sicherheiten ins Rutschen oder etwas beginnt zu bröckeln. Ja, aber wäre es nicht wunderbar, wenn man mit dieser Zufriedenheit einfach mal recht behielte? Dass man mal alles richtig gemacht hat. Wäre das nicht toll? Aber vielleicht ist es gar nicht gut für den Charakter, wenn es einem zu lange zu gut geht. Die Nebenwirkungen könnten Ignoranz und Arroganz gegenüber denen sein, denen es schlechter geht, und vor allem eine Selbstgerechtigkeit, die über Lebensrealitäten und Notwendigkeiten anderer mit Turboenergie hinwegbügelt.

 

 

Was meinst du mit Selbstgerechtigkeit?

 

Anja Herden: Zu Stückbeginn formuliert meine Figur den Gedanken: „Wir leben doch gerade in der herrlichsten Zeit, die es überhaupt gibt.“ Was mir daran gefällt oder auch auffällt, ist, dass jemand gar nicht merkt, dass das nur für sie allein gilt. Zudem ist sie von der Bedeutung ihrer Erkenntnis, nämlich, dass das Wasser im Bad vergiftet ist, so überzeugt, dass sie einerseits kein Halten kennt und andererseits aber auch Dankbarkeit und Ruhm für ihren außerordentlichen Einsatz erwartet. In ihr kämpfen Selbstlosigkeit und Idealismus mit Eitelkeit und Karrierismus.

 

 

In den Stücken von Ibsen spielen häufig unentdeckte Verbrechen eine wichtige Rolle. Welchen „Thrillfaktor“ hat der  „Volksfeind“ aus deiner Sicht?

 

Anja Herden: Es geht im „Volksfeind“, wie so oft bei Ibsen, um eine Wahrheit, die unterdrückt werden soll, innerhalb der Gesellschaft, aber auch innerhalb der Familie. Die geheimnisvolle Schwiegermutter, die meine Kollegin Irene Kugler spielt, ist dabei sehr wesentlich. Sie manipuliert einerseits ihre Enkelin durch emotionale Nähe und andererseits setzt sie ihr Vermögen als strategische Waffe ein. Aber auch die Beziehung zwischen der Doktorin und ihrem Bruder, gespielt von Torben Kessler, der als Bürgermeister des Ortes ihr Gegenspieler ist, ist höchst komplex und daher sehr spannend. Sie missverstehen sich mitunter so fundamental, dass ihre Begegnungen immer mehr von Entsetzen und vollkommenem Unverständnis geprägt sind. Das Ringen um das Recht, um die Wahrheit und auch um Verhältnismäßigkeit – im Sinne von: „Heiligt der Zweck wirklich die Mittel?“ – all das wirkt zersetzend auf das geschwisterliche Verhältnis.

 

 

Das finde ich sehr interessant, wie du die Schwiegermutter hervorhebst und den zentralen Konflikt zwischen Bruder und Schwester. Denn alle Seiten haben aus meiner Sicht nachvollziehbare Argumente für ihren Standpunkt, es gibt nicht nur gut oder böse. Es mischen sich die menschlichen Abgründe mit den kriminellen Aspekten. Jemand beginnt, jenseits des Gesetzes, jenseits der Moral zu handeln, und zieht dadurch andere Personen in den Abgrund, die gar nicht vorhatten, selbst kriminell zu werden.

 

Anja Herden: Und am Ende kommt es darauf an, wer die meiste Kohle hat. Natürlich – bei Ibsen kommt die Kapitalismuskritik nicht zu kurz.

 

 

Worauf freust du dich am meisten in den kommenden Probenwochen?

 

Anja Herden: Ich freue mich auf den Stephan-Kimmig-Kosmos, wenn wir miteinander zu dieser Erzählung werden, wenn überraschend Musik und besondere Körperlichkeiten  dazukommen. Und wenn man dann das Kostüm anzieht und die Welt betritt, die wir nun finden und erfinden. Ich freu mich, herauszukriegen, was wir mit diesem Stück über den Zustand der Welt erzählen können, denn die Themen spannen sich von Klima bis Kapitalismus, von Demokratiegefahr bis zu den inner- und zwischenmenschlichen Beziehungen auf.