von Nora Khuon & Mazlum Nergiz

 

Ein Magazin über verbundene und suchende Teile, eingebrochene Grenzen und sich neu zusammensetzende Ketten

 

Die britische Schriftstellerin Daisy Hildyard, die für dieses Magazin einen kurzen Essay mit dem Titel Ausgerenkte Intimität verfasst hat, schreibt: „Every living thing has two bodies.“

 

Der eine Körper kann trinken, essen und schlafen. Der zweite ist in einem weltweiten Netzwerk von Beziehungen eingebunden. In welchem Verhältnis steht dieser unser zweiter Körper mit dem ersten in Zeiten der Epidemie und der Isolation? Wie reagiert eine Kraft wie die Liebe, die sich ja meist in Beziehung zu einem Gegenüber manifestiert, wenn ihr das Gegenüber durch räumliche Trennung genommen wird? Was macht der liebende Körper, wenn er nur sich lieben darf? Kann er noch mit sich selbst intim sein? Welchen Bedürfnissen geben sich die Körper hin, jetzt wo sie so vielen Einflüssen und Zugriffen entzogen sind? Wie wirkt sich die weltumspannende Eruption, die diese gegenwärtige Krise ausgelöst hat, auf die Art und Weise aus, wie wir lieben, Beziehungen herstellen, Nähe und Distanz suchen, trauern, begehren, verzweifeln, Freude empfinden? Wohin können Denklinien führen, die eine neue Kartographie von Intimität und Liebe zeichnen?

 

Was für jede Art von Erfahrung allgemein gilt, das gilt umso mehr für die Liebe: sie verweigert jeden Versuch, auf einen einheitlichen Begriff gebracht zu werden. Darum entwerfen wir in diesem Magazin die Architektur des Innersten und der Intimität mit literarischen Genres, die weit voneinander entfernt liegen: Gedichte, akademische, persönliche und narrative Essays, Kurzprosa und Erzählungen — intimus; dem Rand am fernsten, am weitesten innen. Dabei üben die versammelten Texte innerste Denkübungen ein, nicht um ihre Seelen preiszugeben, sondern um sich in politische, historische und kosmologische Beziehungskonstellationen zu setzen.

 

Wir haben unser Netzwerk aktiviert und Autor*innen, mit denen wir uns verbunden fühlen, gebeten, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, neue zu entwickeln, ihnen zu widersprechen oder sie weiterzuführen.

 

Die Szenografin Laura Robert hat sich mit ihren Illustrationen auf einen eigenen Pfad begeben, um nach Verbundenheit zu suchen. Ihre in Neonfarben gemalten Gestalten suchen Nähe, die unerfüllt zu bleiben, zu scheitern scheint. Trotzdem tun sie es: sich verbinden, um jeden Preis. Sie kommen und denken zusammen, und bleiben sich trotzdem fern. So wie wir jetzt auch.

 

 

 

 

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