von Pascal Richmann

 

Die Einführung der sogenannten Normbrunnenflasche, dieser 0,7 Liter fassenden, in der Mitte für Style und sicheren Halt konkav gewölbten und mit Sprudelblasen verzierten, dieser perfekten Standardflasche also – wurde am 28. August 1969 in Bonn Bad Godesberg beschlossen; das heißt: exakt 18 Jahre vor meiner Geburt und 39 Tage nach der Mondlandung.

 

Ein Rendezvous bezeichnet in der Raumfahrt die gezielte Annäherung zweier Flugkörper, also auch dasjenige Treffen, bei dem sich eine Landefähre nach geglückter Rückkehr vom Mond mit ihrem im Orbit wartenden Mutterschiff verbindet.

 

Dreizehnjährig steht Wernher von Braun in der Berliner Klopstockstraße. Dort, wo 32 Jahre später ein Niemeyer-Haus aus Gründen erbaut worden sein wird, von denen an diesem wonnigen Sonntag im Mai 1925 weder er noch Oscar etwas ahnen, steht Wernher also stramm und blickt den Vater an. Der Vater heißt Magnus und deutet mit einem seiner Landwirtschaftsministerfinger, die besser befehlen können als ernten, auf das Reichsgesundheitsamt. Er spricht von Robert Koch und vom Händewaschen. Der Vater will den Sohn auf Stand bringen. Der Sohn soll wissen, dass ein Preuße sich die Finger zwar schmutzig macht – machen muss, korrigiert sich der Papi: innerer Ansporn und äußere Zwänge – aber danach auch wieder sauber. Ein Preuße wäscht die Hände oft und in Unschuld, kalauert der Vater, um dem Sohn einen Spaß zu machen. Doch Wernher, dieser dreizehnjährige Lümmel, hört gar nicht zu, nickt bloß mit dem Haupt, damit der Vater das Gegenteil glaubt.

 

Das Reichsgesundheitsamt wurde 1876 als Kaiserliches Gesundheitsamt gegründet. Magnus war da gerade mal zwei Jahre alt. Zur Umbenennung 1918 kam es auch deshalb, weil die Ingenieure des Deutschen Instituts für Normung, kurz DIN, die ein Jahr zuvor ihre Arbeit aufgenommen hatten, nicht rechtzeitig dafür sorgten, dass Magnus – inzwischen Pressechef der Reichskanzlei –, Wilhelm und die Deutschis ihren Weltkrieg mithilfe normierter Munition und Waffen doch noch gewannen.

 

Klaus Theweleit schreibt:

 

„Die ungeheure Erhöhung der Bedeutung des Wassers im Hygienisierungsprozess der bürgerlichen Gesellschaften, des Waschens mit Wasser, des Badens und Schwimmens im Wasser, in Flüssen und Seen gar, müssen wohl im Zusammenhang gesehen werden mit der gleichzeitig sich durchsetzenden gesellschaftlichen Ächtung anderer Feuchtigkeiten (vor allem des Körpers), mit ihrer Deklassierung zu ‚Schmutz‘.“ 

 

Anstatt einiges über Hygiene und Leitungswasser zu lernen, denkt Wernher in der Klopstockstraße nun also an anderes. Denkt zuallererst daran, dass ihm das eigene Sperma am Abend zuvor diejenige Höhlung hat überlaufen lassen, die ein Engländer „belly button“ nennt. Erinnert sich bald des orgastischen Vorgangs, vollzieht den Flug des Samens nach – er steigt und senkt sich parabolisch –, während der Vater auf ein Fenster zeigt, in dem jetzt der Kopf der zukünftigen Rassenhygiene in Person Hans Reiters hochschnellt wie eine von ihrer Puppe verhüllte Hand im Kasperletheater. Wernher denkt an das Krokodil und die Gretel und seinen Penis, dessen Pulsieren er noch immer in der geschlossenen Faust zu spüren meint. „Ok, Wernher, wir machen dann mal los“, sagt Magnus in gütig-väterlichem Ton, und da erst bemerkt der Sohn die vom S-Bahnhof Bellevue herbeieilende Mutter. Die Mutter heißt Emmy und aus ihrem Rucksack ragt eine handelsübliche Silvesterrakete.

 

Ein Vorläufer der Genossenschaft Deutscher Brunnen, deren Kürzel GDB jede Normbrunnenflasche ziert, wurde 1937 gegründet, um dem gestiegenen Cola-Konsum im Reich entgegenzuwirken. Ausgelöst durch die Olympischen Spiele im Jahr zuvor, die Coca-Cola gesponsert hatte, wollten nun auch zwölf Mineralbrunnen aus dem Rheinland mitverdienen und launchten eine Cola, die sie Colanade nannten.

 

Die Nasa schreibt: „Astronaut Ed White made history on June 3, 1965, when he floated out of the hatch of his Gemini 4 capsule into the void of space. The first American ‚spacewalk‘ lasted 23 minutes, not nearly long enough for White. He later said the spacewalk was the most comfortable part of the mission, and said the order to end it was the ‚saddest moment‘ of his life. White was attached to the capsule by a 25 foot umbilical cord.“ Die Traurigkeit, die White überkam, war die Traurigkeit desjenigen, der in den Uterus zurückgekehrt war und ihn nun wieder verlassen musste. Das Mutterschiff, mit dem ihn die Nabelschnur verband, kündigte bloß an, dass er schon bald zur Welt zurückgebracht würde.

 

 

 
Illustration: Laura Robert
 

 

Unter den tiefen Eindrücken seines ersten Samenergusses trödelt Wernher durch den Tiergarten. Die Eltern spazieren vorneweg. Sie blicken sich nicht um nach Wernher. Der Sohn ist keine zwölf mehr, so einen Sohn soll man bloß noch im Notfall an die Hand nehmen. Dem drängt sich nun die Vorstellung auf, die Mutter würde jeden Moment abheben. Die Rakete, die in ihrem Rucksack steckt, ist ein Geschenk, das Wernher bei der Siegessäule zünden soll. Wernher aber will – wie er sich die Eltern so besieht – was ganz Anderes, denkt nämlich an den Tribalismus Preußens, an die Corps Saxonia Göttingen und daran, dass sein Vater Emmys Vater, Opi Wernher von Quistorp, in dieser Verbindung kennengelernt hatte: Der Alte Herr von Quistorp war so gut gewesen, die Haare des über dem Brechbecken hängenden Burschen von Braun zu halten. Sie hatten sich damals sofort gemocht – zwei Ostpreußen im Exil –, auch wenn Magnus’ T-Shirt total vollgekotzt war.

 

Theweleit fragt: „Und was rauscht aus der Wasserleitung?“

 

Im Tiergarten gurren die Tauben. Wernher riecht eine blühende Wiese. Er stellt sich alles ganz genau vor. Wernher beurteilt die Sache zwischen den Eltern als archaischen Unsinn. Wernher will es anders machen. Wernher weiß nicht, dass er 21 Jahre später die grad noch ungeborenen Cousine Maria von Quistorp geheiratet haben wird.

 

Theweleit schreibt:

 

„Wenn der Wunsch nach der fließenden sexuellen, aber sauberen Frau in die Unendlichkeit der Meere eingegangen ist, in ihre (ehemals) durchsichtige Klarheit, Unfassbarkeit, Unzerstörbarkeit, dann waschen wir uns täglich mit ihrer in den Wasserleitungen domestizierten Form, mit einer Substanz ‚reine Mutter‘ vom Schmutz der Welt, vom Schmutz der Betten, der Liebe, der Frauen, vom Schmutz, der wir selber sind, sauber.“

 

Im Anschluss an die letzte Mondlandung verabredeten die USA und die Sowjetunion ein Rendezvous in der Erdumlaufbahn. Damit sich Kosmo- und Astronauten wirklich treffen, das heißt: auf ihren Raumschiffen besuchen konnten, musste ein die unterschiedlichen Normen nivellierendes Modul entwickelt und die Kabinenatmosphäre der Sojus an die der Apollo angepasst werden: Sowjets und Amerikaner atmeten literally eine andere Luft. Spätestens jetzt, wo sie es nicht mehr taten, wurde das Weltall ein theatraler Raum. Alles, was dort erzählt werden soll, kann erzählt werden. Die Verbindung aber, die zwischen dieser 225 Kilometer über Normal Null errichteten Bühne und der Summe aller Realitäten auf der Erde besteht, scheint durch Sprachverwirrung gestört, Katharsis findet auch deshalb nicht statt, weil ein Rendezvous kein Rendezvous ist und eine Nabelschnur keine Sicherheitsleine.

 

Wernher hält eine Flasche Coca-Cola in den Händen. Die Viktoria funkelt in der Sonne. Seit zehn Jahren sei die Form der Flasche patentiert, klärt der Vater ihn auf. Der Vater spricht von den Vereinigten Staaten, Fließbändern und Henry Ford. Dass sich die Flasche auch gut in der Faust anfühle, findet Wernher. Doch der Vater will auf ganz was anderes hinaus. Der Vater sagt, ihre Konturen seien der Schauspielerin Mae West nachempfunden, die habe nämlich, der Vater prustet los, also die sei, der Vater schafft es nicht, der Vater kann über die weibliche Brust nicht sprechen. Weil ihr die Situation jetzt zu blöd wird, sagt die Mutter: „Ok, Wernher, dann mach mal auf.“ Und weil die eben noch im Rucksack verwahrte Flasche von jedem ihrer Schritte auf und ab bewegt wurde, spritzt nun, da der Kronkorken knallt, die Cola zur Siegessäule empor. Dass sie das für eine riesengroße Sauerei hält, vergisst die Mutter und lacht. Dass er sich, während der Sohn trinkt, vorstellt, wie West ein schwarzes Kleid auszieht, verheimlicht der Vater. Dass seine rechte Hand ganz klebrig ist, ist für Wernher kein Problem, weil: schon rast die Rakete zu den Planetenräumen.

 

 

 

 

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Pascal Richmann ist Autor von Erzählungen, Essays und Gedichten. Seit 2018 erscheint sein Fortsetzungsroman Man vermisst diesen Planeten im SWR. 

 

 

 

 

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