Interview

„Da ist ein Freiraum, den ich gestalten kann“

 

Im Ballhof Zwei wird 1000 Serpentinen Angst nach dem Roman von Olivia Wenzel aufgeführt. Die Dramaturgin Friederike Schubert sprach mit der Regisseurin Miriam Ibrahim sowie Sabrina Ceesay und Minh Duc Pham über ihre Leseeindrücke und über die gemeinsame Arbeit.

 

 

 

Wo ist euch der Roman das erste Mal begegnet und was war der erste Eindruck, den ihr beim Lesen hattet?

 

Sabrina Ceesay: Als ich von dem Roman erfuhr, habe ich ihn direkt vorbestellt, und als ich ihn gelesen hatte, dachte ich, das kenne ich. Ich hab stellenweise auch das Gefühl gehabt, woher weiß sie das? Das bin ich. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass ich mich so identifizieren kann. Und vielleicht geht das ja auch anderen so …

 

Minh Duc Pham: Eigentlich hatte mich Olivia Wenzel gefragt, ob ich für eine szenische Lesung vom Roman die Raumgestaltung machen wolle. Ein paar Tage vor der Performance wurde eine Performerin krank und ich sollte einspringen. So bin ich immer mehr in den Roman eingetaucht. Habe viel in und aus dem ihm gelesen, aber ich habe ihn nie an einem Stück gelesen. Ich finde lustig, dass sich das Fragmentarische des Romans bei mir auch im Lesen etabliert hat.

 

 

Was ist das Besondere an Olivia Wenzels Schreiben? Wie schafft sie es, uns auf die Reise ihrer namenlosen Protagonistin mitzunehmen?

 

Miriam Ibrahim: Ich finde, dass sie sehr genau beobachtet, wie sich Gedanken verhalten, und das verbalisiert. Das ist beim Lesen überraschend, weil man sich ertappt fühlt. Die Gedanken springen. Man widerspricht sich selbst. Sie zeigt uns mit ihrem Roman, wie dreist man zu sich selbst ist. Wie man sich kasteit. Wie man sich provoziert. Wie tief und brutal sind die Gedanken? Zu anderen, aber auch zu sich selbst. Und gleichzeitig: Wie verletzt ist man durch die eigenen Gedanken?

 

 

Ihr seid ein reines BIPoC-Ensemble (Black, Indigenous, and People of Color, Anmerkung der Redaktion), das mit einer Schwarzen Regisseurin einen Stoff einer afrodeutschen Autorin aus Ostdeutschland bearbeitet. Macht diese Zusammensetzung für euch in der Arbeit einen Unterschied?

 

Miriam Ibrahim: Wenn ich mich auf die Personen konzentriere, die ihre Körper für die Bühne hergeben, dann befinden sich BIPoC-Darstellerinnen und -Darsteller oft in Räumen, die von weißen Menschen dominiert sind. Dadurch müssen sie sich oft assimilieren und wissen manchmal selber nicht mehr, wer sie sind in diesen Räumen. Für diese Personen wird alles eine Art Spiel. Oder sie kommen in Situationen, in denen sie verletzt oder rassistisch diskriminiert werden. Ausgestellt werden, fremdbestimmt werden, markiert werden und oft Fantasien von weißen Menschen, oft unbewusst rassistisch, ausgesetzt sind. Ich denke schon, dass das auch in weißen Räumen möglich ist, wenn sich weiße Menschen weiterbilden, wenn viel mehr über die Geschichte und die historisch-gesellschaftlichen Konstruktionen gelernt wird. Wenn weiße Menschen verstehen, aus welcher Perspektive heraus sie selber denken, sprechen und leben. Das wird leider alles bisher nicht gemacht. In dieser Gruppe ist der Unterschied, dass wir um unsere vielseitigen Erfahrungswelten wissen und Konflikte ansprechen. Das ist gar nicht leicht. Diese Mehrarbeit leisten wir alle. Die leisten wir für uns in der Produktion durch Empowerment und Liebe, aber auch nach wie vor für die weiße Institution. Dafür braucht man mehr Zeit im Probenprozess. Ich wünsche mir, dass dafür auch mehr Zeit eingeräumt wird.

 

Sabrina Ceesay: Ich habe im letzten Jahr schon die Erfahrung mit Theresa Henning gemacht, die selber auch Autorin des Stückes ist. Man mag das gar nicht glauben, aber bis zu „Der Beginn einer neuen Welt“ hatte ich noch nie mit einer Schwarzen Regisseurin gearbeitet und auch noch nie ein Stück von einer Schwarzen Autorin  gespielt. In diesen Produktionen gibt es ein unausgesprochenes Verständnis füreinander, weil man ähnliche Erfahrungen gemacht hat und darauf kann ich als Schwarze Spielerin ganz anders aufbauen.

 

Miriam Ibrahim: Es ist anders, anti-Schwarzen Rassismus erfahren zu haben oder anti-asiatischen. Es ist anders, als Frau Rassismus erfahren zu haben oder als Mann. Aber die Rassismuserfahrung ist so extrem, dass es ganz viele Weiße nicht verstehen. Uns verbindet sie aber.

 

Sabrina Ceesay: Wenn ich mit weißen Menschen über Rassismus spreche, denke ich oft, mein Gegenüber versteht meinen Standpunkt gar nicht. Du argumentierst aus einer Perspektive, aus der du noch nicht einmal siehst, was es anderes geben könnte. Es gibt Menschen, die sich in unsere Situation hineinversetzen können. Das ist die Basis, um überhaupt sprechen zu können. In weißen Produktionen arbeite ich doppelt so viel wie eine weiße Kollegin oder ein weißer Kollege. Beim Arbeiten mit Bipoc muss ich diese Mehrarbeit nicht leisten.

 

Miriam Ibrahim: Was diese Produktion besonders macht, ist, dass ich noch nie mit einem kompletten Bipoc-Ensemble gearbeitet habe. In diesem Zusammenhang merke ich, dass ich mich im Theatermachen weiß assimiliert habe, aber auf einmal ist da ein Freiraum, den ich gestalten kann. Der ist neu, und den muss ich auch erst erkunden.

 

Minh Duc Pham: Das ist das erste Staatstheater, an dem ich arbeite. Ich hatte am Anfang der Institution gegenüber einige Vorbehalte. Aber Miriam gab mir das Gefühl, in diesem Rahmen geschützt zu sein. Man hat vom ersten Lesen an gemerkt, dass es eine Verbindung gibt. Das macht sich auch in den Improvisationen bemerkbar. Ich stelle mich auf die Bühne, weil wir jetzt die Möglichkeit haben, jüngeren Menschen die  Repräsentation auf der Bühne zu geben, die wir früher nicht hatten. Deswegen begebe ich mich auch immer wieder in diese potenziell gefährlichen Räume, in denen ich immer wieder abwägen muss, ob ich als Token besetzt werde. Wenn ja, was mache ich daraus?  Wie kann ich damit den besten Umgang für mich finden? Wie kann ich die Strukturen nachhaltig für Menschen, die nach mir kommen, gestalten?

 

 

Was wünscht ihr euch von der Produktion und von der Begegnung mit dem Publikum?

 

Miriam Ibrahim: Ich denke, dass es ganz unterschiedlich sein wird, was zwischen den Darstellerinnen und Darstellern und dem Publikum passiert. Und ich wünsche mir diese Unterschiedlichkeit. Ich wünsche mir, dass Menschen berührt werden, aber ich wünsche mir auch, dass weiße Personen nicht verschont bleiben von der Härte, mit der Rassismus Traumata auslösen kann. Ich wünsche mir  auf der anderen Seite, dass BIPoC gesehen werden mit den Schmerzen und den Kämpfen und empowert werden, weil sie gesehen werden, weil ihre Geschichten erzählt werden, die noch lange nicht genug erzählt sind. Das ist ein schmaler Grad. Es geht nämlich nicht darum, weißen Menschen etwas zu erklären. Es geht hauptsächlich um die Erfahrung der Protagonistinnen und Protagonisten in dem Roman. Der dritte Aspekt ist der Moment, in dem ich persönlich verletzt werden kann. Das ist durch Kritiken, durch die Beschreibung von dem Abend, in der unsere Arbeit fremdbestimmt erzählt wird. Dadurch können wieder Verletzungen stattfinden. Mir fehlen BIPoC, die Kritiken schreiben.

 

Sabrina Ceesay: „Ich gehe in New York die Fifth Avenue entlang und esse unbefangen eine Banane.“ Ich glaube nicht, dass jede oder jeder die Bedeutung des Satzes verstehen kann. Manchmal kann ein Satz in diesem Roman so komplex sein und so einfach daherkommen. Wenn ich diesen Satz spreche, weise ich damit als Protagonistin aus „1000 Serpentinen Angst“ auf eine dreifache Diskrimierungsmöglichkeit hin: Frau, Schwarz, ostdeutsch. Auch vom Publikum wünsche ich mir, dass es versucht, die  Komplexität, die diese Geschichte in sich trägt, zu erfassen.

 

Minh Duc Pham: Ich hatte mal eine schöne Erfahrung mit meiner Cousine, die etwa zehn Jahre jünger ist als ich. Nachdem wir uns gesehen hatten, rief sie mich an und sagte: „Duc, mir ist grade etwas passiert. Der Typ, der war einfach rassistisch zu mir. Und ich habe ihn darauf angesprochen. Vorher hätte ich noch nicht einmal gewusst, dass er sich rassistisch verhalten hat.“ Ich wünsche mir, dass junge BIPoC, die weiß assimiliert sind, die Kraft finden, Rassismen zu erkennen und sich gegen sie zur Wehr zu setzen.

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