Der Körper und die Lücke

Ein Gespräch mit der Bühnenbildnerin Katja Haß, dem Regisseur Stephan Kimmig, der Choreografin Bahar Meriç, der Kostümbildnerin Anja Rabes und dem Musiker Nils Strunk über die Inszenierung von Clare Barrons Dance Nation.

 

 

 
Foto: Kerstin Schomburg
 

 

 

Stephan, wir haben dir vor über zwei Jahren Dance Nation angetragen. Du hast sofort zugegriffen. Was war es, das dich an diesem Stück gepackt hat?

 

Stephan Kimmig Bei der Lektüre habe ich festgestellt, dass viele Lücken im Text sind. Diese Lücken ermöglichen Leben, zeigen und feiern es. Auf viel zu wenigen Bühnen wird wirklich zupackend, positiv, haptisch das Leben an- und aufgegriffen. Niemand gibt dir das Leben. Du musst es dir nehmen. Ich finde, Dance Nation erzählt davon, wie Gesellschaft anders funktionieren könnte, wenn alle nicht immer so viel erwarten, sondern geben und nichts dafür zurückhaben wollen. Die Lücken lassen Platz für die Körper. Die Sprache ist nicht alles. Der Körper ist es, der Freude und Schmerz sichtbar macht. In Dance Nation sind wir nicht abhängig davon, dass das Narrativ dir vorgibt, was du zu machen hast, sondern du kannst in die Räume dazwischen gehen, über die Investition Leben. Deswegen mache ich das Stück.

 

 

Macht es für dich einen Unterschied, dass es um Jugendliche geht, die einen Großteil dieser Lebensinvestition noch vor sich haben und vielleicht unbedingter mit dem Leben umgehen?

 

Stephan Kimmig Nein, null. Wir benutzen ihre Jugend als Spielmodus. Es funktioniert für mich wie ein Filter: Ich bin erwachsen, ich spiele eine*n 13-Jährige*n. Sofort kann ich mir Dinge rausnehmen, verkörpern, sagen, meinen, angreifen, die oft peinlich, vielleicht schnell sehr esoterisch wirken könnten, aber durch den Abstand möglich werden. All das darfst du als Erwachsene*r sonst nicht.

 

 

Meinst du damit, dass man eigentlich noch genauso fühlt wie mit dreizehn, aber sich nicht traut, sich so vorbehaltlos zu veräußern?

 

Stephan Kimmig Einer meiner Lieblingsdichter ist Federico García Lorca. Er sagt, er könne mit Erwachsenen kein Wort sprechen, weil Erwachsene verbohrt und verschlossen seien. Sie hätten immer so viel Angst und seien negativ und belastet und immer nur schwer. Dieser Mensch hat nur mit Kindern gesprochen. Bei Abendessen hat er sich schnell von der großen Tafel an den Kindertisch verabschiedet. Diese Haltung kann ich, ehrlich gesagt, sehr gut verstehen. Es macht einen wahnsinnig, überall diese Wände und Befindlichkeiten zu verspüren. Das ist mit Kindern anders.

 

 

In Dance Nation handelt es sich um 13-Jährige, die von Erwachsenen gespielt werden. Ist das eine andere Herausforderung fürs Kostüm als sonst?

 

Anja Rabes Das Alter der Spieler*innen hat bei der Kostümentwicklung keine Rolle gespielt. Wir wollten keine pubertären 13-Jährigen darstellen, nach einem Schönheitsideal strebend. Es ist eine moderne Tanzgruppe in Trainingsklamotten, farbenfroh, alterslos und individuell, jede*r mit seiner Geschichte.

 

 

In Dance Nation geht es nicht nur um Freude oder Leben und Optimismus, wie du vorhin sagtest, sondern es geht auch um Leistung und die Verneinung von Leistung. Wie würdet ihr das in der Kunst beschreiben?

 

Stephan Kimmig Also Leistung heißt auch Energie geben. Man braucht wahnsinnig viel Energie, damit überhaupt irgendetwas passiert. Meiner Erfahrung nach entsteht mit durchschnittlicher Kraft nichts. Also ich finde, man muss viel Energie reingeben, das heißt „Leisten“. Damit meine ich nicht als „Resultat“, sodass es dann gleich etwas bewirken muss. In diesem Sinne erfordert Kunst sehr viel Leistung.

 

Nils Strunk Ich finde, dass es reizvoll ist, ein Stück über eine Gruppe zu erzählen, die gleichzeitig verbunden und getrennt voneinander ist. So sehr der Tanz sie verbindet, der Wettbewerb trennt sie wieder. Das ist schon irre, wenn man das jungen Seelen beibringt. Ich finde es im Nachhinein betrachtet total verrückt, dass das die Zeit ist, in der man vollgeladen wird. Davon profitiert man noch Jahre. Ich bin jetzt noch dabei, das, was mir mein Gitarrenlehrer damals gegeben hat, abzuernten. Es ist, wie du gesagt hast, Stephan: Man muss sich das Leben nehmen, es hat etwas mit den Stunden zu tun, die man in etwas investiert. Deswegen empfinde ich Leistung auch als etwas Positives, indem man sich bewegt. Das Wort „Leistungsgesellschaft“ ist immer nur negativ konnotiert. Dabei wollen die meisten arbeiten, sich ausdrücken und etwas leisten. Bei Dance Nation geschieht das im Kollektiv.

 

Stephan Kimmig Manche Menschen können das auch für sich alleine machen. Ich für mich finde das schwer. Die meisten Menschen brauchen Kontakt, Reibung, dass man zusammen etwas herstellt.

 

Nils Strunk Aber nicht nur: In Dance Nation wohnen wir einem kurzen Moment bei, in dem die Truppe für etwas trainiert, das sie gemeinsam erreichen will, den Wettkampf, und dabei eine große Nähe und Intimität miteinander teilt, und dann sehen wir auch, wie kurz darauf alles auseinanderfällt.

 

Stephan Kimmig Es ist auch eine vermeintliche Harmonie in der Gruppe. Ja, aber es ist auch eine Sehnsucht, trotz der Selbstverwirklichung, Beziehungen führen zu können. Clare Barron sagte in einem Interview, dass es ein spezielles Thema von Frauen sei, Ambitionen zu unterdrücken, Erfolg zu verneinen, um sozial kompatibel zu bleiben. Für Frauen sei es häufig wichtiger, von der Gruppe akzeptiert zu werden, als ihren eigenen Ausdruck zu finden oder Karriere zu machen. Der Monolog von Ashlee im Stück beschreibt genau das. Sie sagt, dass es nicht sozial akzeptiert sei, von sich selbst zu sagen, man sei schön oder man wolle Erfolg. Weil einem eingeimpft worden sei, dass man nicht nur ein Leistungssubjekt sei, sondern auch ein soziales Wesen. Insofern kann eine Frau gesellschaftlich nur scheitern. Amina ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist zwar die Beste, aber auf dem sozialen Feld hat sie verloren, weil sie sich ausdrückt, weil sie nicht anders kann als zu tanzen. Für Barron ist das das Kernthema des Stückes. Es herrscht nicht nur vermeintliche Harmonie in dieser Gruppe, es ist kein Fake. Ich glaube, dass die Mädchen sich mögen, manche sich sogar lieben. Doch dann merken sie, dass sie nicht mehr zusammen sein können wie zuvor, weil etwas Drittes dazu kommt. Das ist nicht eine weitere Beziehung, sondern die kreative Lust jeder*s Einzelnen, die sich aber in dem Moment, in welchem sie sie ausüben, durch die empfundene Konkurrenz gegeneinander wendet.

 

 

Die Frage, die sich mir stellt, ist, wie können wir auch konkurrenzlos kreativ sein?

 

Stephan Kimmig Meines Erachtens gibt es das nicht. Das ist ein ganz falscher Ansatz. Wenn ich ein Bild male, konkurriert die Farbe Blau mit Rot und Grün mit Gelb; wenn ich das nicht verstehe, dann bin ich kein Maler und habe keine Ahnung davon. Das kann ich jetzt so fortsetzen für jeden Beruf in den Künsten. Das heißt, es gibt etwas, das passt, und das gilt es herauszustellen. Ich weiß gar nicht, warum das immer so wahnsinnig negativ gesehen wird. Das Geilste ist doch, wenn eine Person einen Schritt vorgeht, und andere kommen erstmal nicht hinterher, verstehen es dann aber doch, und ziehen schließlich nach. Dafür muss man mutig sein. Wenn sich das auf ein konkurrenzloses demokratisches Prinzip beruft, passiert gar nichts.

 

 

Das stimmt, doch sind Menschen etwas anderes als Farben und stehen in sozialen Beziehungen. Wenn Amina Zuzus Solo übernimmt, mag das vielleicht ein mutiger Akt sein, aber sie nimmt auch der Kollegin ihre Ausdrucksweise und behauptet, dass ihr Impuls wichtiger sei als der der Kollegin. Muss man sich dann battlen? Hätte Zuzu dann ebenfalls weitertanzen müssen, um ihren Raum zu behaupten?

 

Nils Strunk Ich finde, beim Schauspielen ist es wie im Sport. Es ist ein positiver Konkurrenzkampf. Man kann sagen: „Mist, heute habe ich verloren, morgen mache ich es besser. Morgen kriege ich dich.“ Das setzt voraus, dass man grundsätzliches Vertrauen hat, es morgen besser zu machen. Nicht jede*r besitzt diesen Glauben, sondern hat stattdessen Angst, den nächsten Schritt nicht zu schaffen oder nicht das Potenzial in sich zu tragen, sich genauso vorauszuwerfen, wie die andere das vielleicht getan hat. Sind Menschen, die sich nicht so einfach behaupten, dann fehl am Platz in der Kunst? Wie verhält sich das beim Tanz?

 

Bahar Meriç Diese Konkurrenz, die man klischeemäßig kennt, erlebe ich persönlich gar nicht so sehr. Was den Begriff der „Leistung“ betrifft, glaube ich, hat es bei mir viel damit zu tun, wer mich auffängt, wenn ich mal nicht das leiste, was ich leisten möchte. So sehr mich Herausforderungen pushen, auf der anderen Seite bin ich auch unsicher. Da brauche ich jemanden, der mich auffängt. Das kann ein Ensemble sein, das kann Familie sein, das hat viel damit zu tun, wie man sich auch als Gruppe begreift.

 

 

Und wie begreift ihr eure aktuelle Gruppe? Ein Teil davon kennt sich seit mehr als zwanzig Jahren – Katja, Stephan und Anja –, für Bahar und Nils war es die erste Arbeit in dieser Konstellation.

 

Nils Strunk Ich habe die Arbeit im Team als enorm kreativ wahrgenommen. Ich finde, erst einmal gab es ganz viel Zustimmung zum Ausprobieren. Die Einschätzung, ob etwas funktioniert oder nicht, ist glücklicherweise sehr ähnlich. Das stiftet Gemeinschaft.

 

Katja Haß Ich fand es sehr lustig, oder wirklich erstaunlich, euch drei (Stephan Kimmig, Bahar Meriç, Nils Strunk) anfangs zu beobachten. Dass Stephan in der Lage ist, große, wirklich bedeutsame Teile des Abends abzugeben, hat mich überrascht. Eure gegenseitige Geduld, eure Großzügigkeit und Offenheit und dieses totale Vertrauen, das zwischen euch herrscht, waren für mich etwas Besonderes. Dass du, Stephan, das so konntest …

 

Stephan Kimmig Das hat auch einen Grund. Bei unserem ersten Treffen mit Bahar habe ich ihr gleich gesagt: „Du musst schon wissen, ich quatsche ganz gerne rein in deine Proben, ich halte mich selten zurück und bin auch sehr ungeduldig.“ Die Art und Weise, wie sie reagiert hat, war ganz zauberhaft: „Jaja, okay, das ist gut so“, sagte sie.

 

Bahar Meriç Ich habe gesagt: „Ich bin sehr geduldig."

 

Stephan Kimmig Da habe ich mir gedacht: Ok, Respekt, das ist gut, da ist ganz klar eine Künstlerin und nicht irgendeine Mitläuferin. In dem Moment muss ich gar nicht viel reden. Bei dir ist es ganz genauso, Nils.

 

Katja Haß Ich glaube, wir mögen und schätzen uns alle von Grund auf und spüren, welcher Reichtum in jeder*m steckt. Ich habe Respekt vor der Autorität des jeweiligen Spezialgebietes. Außerdem gibt es einen fast familiären Rückhalt, in dem man sehr geschützt vorgehen kann.

 

Stephan Kimmig Ich bin bereit, auch meine persönliche Arbeit innerhalb von drei Sekunden komplett zu vernichten, wenn es nicht stimmt. Mit euch ging das, weil ihr so große Handwerker*innen und so große Träumer*innen seid. Ihr habt wahnsinnig viel Fantasie und gleichzeitig Konkretheit im Tun, und das vermischt sich und lässt Raum, Dinge auszuprobieren und herauszufinden. Ich empfinde es als eine wahnsinnig glückliche Zusammenarbeit.

 

 

Nun sind hier alle ziemlich toll, (Gelächter) aber wie war es, mit dem Ensemble zu arbeiten? (zu Bahar Meriç) Einem Ensemble, das per se erst einmal weder aus wirklichen Laien noch professionellen Tänzer*innen besteht?

 

Bahar Meriç Für mich war es in erster Linie spannend herauszufinden, was die Leute selbst mitbringen. Ich habe nicht den Anspruch, dass man eine professionelle Tanzausbildung haben muss, sondern man kann mit dem, was man hat, beginnen und weitergehen. Ich fand es zunächst einmal spannend zu beobachten, mit welchen Vorstellungen von ihren Körpern, aber auch vom Tanz alle gestartet sind. Wir sind in Traditionen beheimatet, die auch Ängste und Komplexe schüren. Hier energetische Prozesse freizusetzen, um zu seiner Form zu finden, war ein Teil der Arbeit. Wir haben nach und nach unser Vokabular angeglichen. Ich arbeite viel über Bilder, die die Teilnehmenden erst einmal verstehen und kennenlernen müssen. Wir konnten gut miteinander arbeiten, aber ich verlange auch keine Spagatsprünge von allen, sondern ich gucke: Wer kann was? Klar gibt es Spieler*innen, die von sich aus ganz viel trainieren und einen anderen Zugang haben. Da liegt die Schwierigkeit darin, diese Qualitäten abzugreifen, ohne dass ein Gefälle entsteht.

 

Nils Strunk Dabei gab es interessanterweise keinen Neid. Das finde ich echt verrückt. Das hätte ich nicht gedacht. Alle freuten sich, wenn eine*r toll tanzte, und niemand sagte: „Warum tanzt sie so viel?“, sondern: „Kann sie bitte mehr tanzen?“

 

 

In New York und in London gab es jeweils schon eine Inszenierung. Beide bedienten sich realistischer Räume mit Ballettsälen, Spiegeln, Stangen. Wir befinden uns in einer abstrakteren Welt. Wie kam es dazu und wie würdest du den Raum für dich begreifen?

 

Katja Haß Also, ich muss verraten, dass es eine unserem Bühnenaufbau ähnlich aussehende Skulptur gibt, in einem alten argentinischen Filmmuseum: Auf einem sich drehenden Teller dreht sich wiederum eine Spiegelsäule, die viele Facetten hat, wie ein Insektenauge. Auf dem Teller sind im Rund Tänzer abgebildet. In Bewegung geraten, entstehen Mikroaufnahmen, so wie man früher Trickfilme gemacht hat. Stephan und ich haben sofort wie aus einem Mund gesagt: Das müssen wir eigentlich bei Dance Nation machen. Es erzählt, wie sich Tanz in viele Facetten auseinanderdividieren lässt, aber auch, wie viele Persönlichkeiten in einer Person vereint sind. Wie viele unterschiedliche Personen sind wir im Laufe unseres Lebens allein durch unser Älterwerden? Wie guckt man auf sich selbst als Kind zurück? Erkennt man sich dann wieder, oder ist man jemand ganz anderes geworden? Das spiegelte sich für uns alles in diesem Objekt wider.

 

 

Was war der zentrale Gedanke bei deinen Kostümen?

 

Anja Rabes Ich habe mich gegen Stereotype entschieden, keine Verkleidung, keine Lächerlichkeit oder konkurrierende Zurschaustellung. Dem Zuschauer bleibt Assoziationsraum, in die eigene Vergangenheit zu tauchen, die eigenen Wege zu spiegeln. Was können die großen Köpfe für die Traumsequenz aussagen? Was macht ein enges Trikot, ein Ballettrock aus? Es war eine schöne Zusammenarbeit mit dir, Bahar.

 

 

Nun noch einmal einen Schwenk in unsere Zeit hinein. Wir haben Dance Nation unter anderen Bedingungen geplant. Dann kam Corona, und viele Theater haben ihren Spielplan umgestrickt, andere Stücke gemacht. Wir haben an Dance Nation festgehalten in Kauf genommen, dass es keine Nähe und Berührungen geben kann. Warum soll ich Dance Nation anschauen, gerade jetzt?

 

Nils Strunk Das Irre ist, auf der Bühne fasst sich niemand an, so wie im richtigen Leben auch. Auf der Theaterbühne findet man anfassen sowieso ganz oft blöd, aber witzigerweise ist die Antwort auf „Nicht anfassen“ häufig Rumstehen. Bei Dance Nation gibt es viel Bewegung, Positions- und Formationswechsel, so viel „sich Auspowern“. Das überträgt sich auf einen selbst. Ich habe das Gefühl, ich tanze seit Wochen mit, obwohl ich es gar nicht tue. Es regt einen an, und das finde ich in dieser Dimension das Stärkste für unsere Zeit.

 

Stephan Kimmig Ich empfinde die Körper als wesentlich verletzlicher, aber zugleich auch als schöner, wenn nicht auf der Bühne dieses ständige Aufeinanderzugerenne und Angefasse passiert, was permanent diminuiert. Da würde ich vielen Stimmen, die behaupten, der Kampf könne nur in der Nähe stattfinden, nicht recht geben. Ich glaube, die Empfindsamkeit, auch die Sehnsucht entstehen über den Abstand und die Möglichkeiten, die zwei oder mehrere Körper auf der Bühne zusammen haben könnten und hätten, aber zu denen es nicht kommen kann. Das Unerlöste auszuhalten, berührt mich persönlich sehr und erzählt für mich viel von unserer Welt.

 

 

Ich danke euch für dieses Gespräch.

 

 

 

 

Das Interview führte Dramaturgin Nora Khuon