Schauspiel

Autonomie

Liebe – Kunst – Politik
Eine Talk-Serie mit Show-Spiel
von und mit Kevin Rittberger und dem Ensemble

Ballhof Zwei




Konzept und Moderation Kevin Rittberger
Materialien
Programmheft zu „Autonomie“
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Inhalt

Autonomie erscheint den meisten als ein individuelles Gut, doch ist das tatsächlich so? Ist der Mensch nicht ein Beziehungswesen, gebend und empfangend, in Netzwerke eingebunden? Und was ist mit der Autonomie von Gruppen, Gemeinschaften, Kollektiven?

In unserer dreiteiligen Reihe möchten wir Autonomie gerne in alle Einzelteile zerlegen. Liebe, Politik, Kunst dienen hierbei als Landschaften, die wir schon bestaunt haben oder noch bestaunen wollen, vor denen wir aber auch schon mächtig erschrocken sind. Mit der Vorstellung von Autonomie in der Liebe zu beginnen, ist gewagt, aber sinnvoll, weil uns inmitten der Klimakrise interessieren muss, ob sich unser Kraftwerk der Gefühle auf weitere Menschen und Nicht-Menschen ausdehnen kann. Das ist nicht romantisch, aber vielversprechend. Vielleicht werden wir eine alte Vorstellung von Autonomie verlieren und dafür eine neue gewinnen: Autonomie als Kooperation.

Fr 25.03.2022 mit Lucia Muriel (Aktivistin und Psychotherapeutin) und Jan Groos (bildender Künstler und Podcaster)
Do 12.05.2022 mit Eva von Redecker (Philosophin und Autorin) Digitale Bühne: Keine Präsenzveranstaltung, ausschließlich online via Instagram
Do 16.06.2022 mit Şeyda Kurt (Autorin und Journalistin)
Zudem wird der Gastgeber des Abends, Kevin Rittberger, mit dem Ensemble jedes Mal um die Autonomie einer Performance ringen.

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Die Zärtlichkeit ausweiten
von Kevin Rittberger
Was denken wir, wenn wir Autonomie sagen? Wir denken, so behaupte ich, an Freiheit, an Unabhängigkeit, an Selbstbestimmung, an Selbstverwaltung. Wir denken daran, dass uns niemand reinredet, dass wir leben können, wie wir wollen. Autonomie ist dann vorhanden, wenn niemand das Sagen hat, nach dessen Pfeife wir tanzen, wenn wir uns selbst die Regeln geben.
Nun habe ich schon von „ich“ und „wir“ gesprochen und das ist sicherlich abstrakt. Denn wer soll das sein, das „Ich“? Und wer das „Wir“? Ich möchte Autonomie gerne zwischen dem Ich und dem Wir verorten, wobei ich davon ausgehe, dass beide fortwährend in Bewegung sind. Niemand ist allein autonom. Autonomie entsteht durch selbstbewusste Kontaktaufnahme. Autonome sind für mich Leute, die sich zusammentun. Dafür ist die „Senkung der Ich-Schranke“ nötig, wie Alexander Kluge das nennt, und das kann durchaus eigensinnig und absichtsvoll geschehen. Indem die Verwirklichung der Freiheit des Einzelnen sich gleichzeitig wieder an Gleichheit und Solidarität messen lässt, indem die Bürde von leistungsgetrimmten Individuen abfällt, jede und jeder wäre ihres und seines eigenen Glückes (und damit auch Elends) Schmied, indem Kooperation ohne Kapitalzuwachs erprobt, indem gegenseitige Hilfe ohne Profitinteresse wieder erlernt werden darf. Ein solches Ich ist ungepanzert und traut sich, allen in die Augen zu schauen. Die Klimakrise wiederum wirft diese Fragen nach persönlichen Kapazitäten, teilbaren Ressourcen und die alten Verteilungsfragen neu auf. Ich würde gerne dahin gelangen, den Begriff der individuellen Autonomie abzustreifen und einen anderen anzubieten. Autonomie als Kooperation. Ein Virus hat gezeigt, dass wir mehrheitlich bereit sind, uns zu beschränken, wenn dadurch Leben geschützt werden können. Wie ich Şeyda Kurts Essay „Radikale Zärtlichkeit“ entnehme, ist Liebe eine Handlung, eine Entscheidung, ein Versprechen; dieser Gedanke ist von der kürzlich verstorbenen Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks inspiriert. Oft genug nämlich greift die heterosexuelle Matrix auf uns zu: Autonomie als das männliche, Bindung und Fürsorge als das weibliche Prinzip. Aber dieses Versprechen, auf das Kurt hinauswill, beendet die hierarchische Verteilung von Sorgetätigkeit. Ihre Zärtlichkeit ist auch deshalb radikal, weil sie die Hermetik der romantischen Zweierbeziehung sprengt. Der Wunsch, die Zärtlichkeit auszuweiten, ist auch darin begründet, dass es immer noch viel zu viele gibt, die in ihrem Leben wenig Schonung erfahren haben und Respekt immer noch verdienen müssen. Die relationale Autonomie der Vielen beginnt dort, wo die exklusive Autonomie der Wenigen endet.
Es geht darum, der Geschichte der Sieger und den Kräften der Zerstörung eine Fülle von Zuwendungen gegenüberzustellen. Eva von Redecker nennt das eine „Revolution für das Leben“. Das ist nicht mehr das große revolutionäre Ereignis, sondern die Mannigfaltigkeit beziehungsreicher Lebensformen. Eine kooperative Autonomie über die Nachbarschaftshilfe oder Landkommune hinaus könnte sich dann entwickeln, wenn wir uns im Kleinen wie im Großen neu zu organisieren lernen, sodass das künftige Lebensnetz allen Erdlingen Möglichkeiten auf Zukünfte bietet. Also, bleiben wir in Kontakt, bleiben wir autonom!

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