Oper

Der Mordfall Halit Yozgat

Entweder hat Herr Temme meinen Sohn selbst getötet oder er hat denjenigen gesehen, der meinen Sohn getötet hat.

Oper von Ben Frost
nach der Gegenrecherche 77sqm_9:26min von Forensic Architecture

Eine Produktion von Staatsoper und Schauspiel Hannover
in Koproduktion mit dem Holland-Festival
Ein Auftragswerk der Staatsoper Hannover
Uraufführung

Premiere

01. Mai 2022

Opernhaus


2 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Ab 16 Jahren

Materialien

Inhalt

Nachgespräche
Am 4. und 8. Mai werden im Anschluss an die Aufführungen Nachgespräche mit dem Komponisten und Regisseur Ben Forst (am 4.5.) bzw. mit der Dramaturgin Yvonne Gebauer (am 8.5.) sowie dem Musikalischen Leiter Florian Groß und Sänger:innen der Produktion stattfinden. Der Eintritt ist für die Besucher:innen der Vorstellungen frei.

Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in einem Internet-Café in Kassel erschossen. Als Täter:innen wurden Mitglieder des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds identifiziert. Die Prozessakten des Strafverfahrens zu den NSU-Morden wurden anschließend für 120 Jahre, nach Protesten für 30 Jahre gesperrt. Für die Angehörigen von Halit Yozgat verlief der Prozess enttäuschend. Wichtige Fragen, so auch die zwielichtige Rolle des Verfassungsschutzes, hat das NSU-Urteil nicht geklärt.

Der australische Komponist, Produzent, Sound Artist und Regisseur Ben Frost nimmt in seiner Oper den NSU-Mord an Halit Yozgat und den gesellschaftlichen Umgang mit dessen Folgen zum Anlass für eine Betrachtung unseres kulturellen Wertesystems. In diesem Auftragswerk der Staatsoper in spartenübergreifender Zusammenarbeit mit dem Schauspiel werden Fragen nach nichts weniger als unser aller geschichtlicher Verantwortung gestellt. Gibt es Gerechtigkeit, wenn die Wahrheit immer wieder neu konstruiert wird?

Die Oper nimmt Bezug auf Untersuchungen der unabhängigen Forschungsgruppe Forensic Architecture. In einer Gegenrecherche zu den offiziellen Ermittlungen des Mordes an Halit Yozgat wurden sämtliche verfügbaren Informationen, präzise wie in einem wissenschaftlichen Experiment, zusammengestellt: das nachgebaute Internet-Café als Tatort, Aussagen von Zeug:innen, Bilder, Geräusche, Videos, Login-Daten. Die sekundengenau rekonstruierten Raum-Zeit-Abfolgen der sieben Zeug:innen lassen verschiedene Ereignisvarianten zu. Das beantwortet nicht nur Fragen, sondern wirft vor allem neue auf. Was genau ist geschehen? Und welche Konsequenzen haben Zweifel an unserem Umgang mit gesellschaftlichen Werten wie Gerechtigkeit, Schuldfragen und Verantwortung?

Als Filmkomponist lieferte Ben Frost u.a. die Musik zu Fernsehserien wie Fortitude oder Dark. Obwohl er in der Elektroszene sehr bekannt ist, hat er die Musik für diese Oper für akustische Instrumente geschrieben. Klanglich liegt sie zwischen Klassik, Minimal und Heavy Metal – das Ergebnis ist einmalig starke Musik, die regelrecht in den Körper eindringt.

Die Uraufführung, die Opern- und Schauspielensemble zusammenbringt und auch den Klangapparat aus Mitgliedern des Niedersächsischen Staatsorchesters zum Teil des theatralischen Raums werden lässt, sollte bereits im März 2020 stattfinden. Doch kurz vor der geplanten Premiere musste die Arbeit an der Inszenierung Corona-bedingt abgebrochen werden. Diese für alle Beteiligten überaus schwierige Phase des Probenprozesses wurde selbst zum künstlerischen Dokument: Der Film Der Mordfall Halit Yozgat. Eine Oper unter Quarantäne von Ben Frost und Trevor Tweeten lief seither bereits bei den KunstFestSpielen Herrenhausen und online beim Holland Festival, beim Prototype Festival in New York und beim Unsound Festival in Poznań.

Triggerhinweis:
Die szenische Wiederholung des Tathergangs in der Inszenierung Der Mordfall Halit Yozgat kann auf von (rassistischer) Gewalt betroffene Personen retraumatisierend wirken.

Pressestimmen

Die Deutsche Bühne

(...) ein Abend, der physisch erschüttert und sich ins Gedächtnis einbrennt.

Neue Presse

Diese Oper ist heftig, quälend, fordernd, laut, verstörend, schmerzhaft, anstrengend. Und lohnt sich deswegen, und weil sie auch poetisch, spannend und teils berückend schön rüberkommt. (...) Diese etwas mehr als zwei Stunden dauernde Oper von Ben Frost (...) ist packend in jeder Minute. Das liegt vor allem an der Musik, einer überwältigenden Tonspur von Ben Frost. (...) Das Staatsorchester (Dirigent Florian Groß) ist dabei in Hochform.

taz

"Die Spannung zwischen den strengen Bewegungsabläufen und dem gespielten Ausdruck ist kaum zu ertragen, wenn erst nur ein Zittern Emotionalität anzeigt, aber sie dann umso heftiger herausbrich (...) während die modellierte Handlung mit jeder Wiederholung fragwürdiger wird (...) Dies ist weder eine Tätergeschichte noch mystifiziert oder verkünstelt es den realen Mord an einem realen Menschen. Alles liegt hier offen auf dem Tisch – und es wehrt sich mit Händen und Füßen gegen jeden Versuch, dem Naziterror einen ästhetischen Sinn überzustülpen." Kritik zum Film Der Mordfall Halit Yozgat. Eine Oper unter Quarantäne.

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